Part 45 - Sprache und Charakter

Es gibt nicht nur eine Lea. Es gibt mindestens acht. Und sie alle sprechen unterschiedliche Sprachen.

Nicht im Sinne von: Ich kann in acht Sprachen einen Kaffee bestellen. Sondern: Ich verändere mich, wenn ich die Sprache wechsle. Ich weiß nicht, ob ich hier zu viel rein interpretiere, aber es fällt mir schon auf. Liegt natürlich auch am Gegenüber, aber vielleicht ist es Euch auch schon aufgefallen; dass sich euer Charakter ändert, wenn ihr die Sprache ändert. 

Tonfall, Haltung, Humor, Auftreten, sogar Denkstruktur, all das passt sich an. Nicht bewusst. Es passiert einfach. Sprache drückt nicht nur Gedanken aus. Sie formt sie. Und mit den Gedanken auch den Charakter. Ich habe lange gebraucht, um das zu merken. Aber heute weiß ich: Je nach Sprache bin ich jemand anderes. Nicht vollkommen fremd. Aber doch spürbar anders. Irgendwie komisch zu erklären oder zu beschreiben, aber ich versuche hier mal meine Gedanken pro Sprache etwas zu erklären.

Für gewöhnlich spricht man auf dem Schiff Englisch. Bilateral aber auch mal eine andere Sprache. Wenn ich mit den deutschen Kollegen einen Gang über Deck gehe, sprechen wir natürlich Deutsch. Ich spreche die folgenden Sprachen nicht alle fließend. Aber: Für'n Job reicht's irgendwie, man baut sich so seinen Wortschatz zusammen, den man für die Arbeit braucht. Und Flüche. Jede Menge, oftmals sexistische, Flüche. 


Deutsch – direkt, klar, durchsetzungsstark

In Deutsch bin ich am härtesten. Am klarsten. Am ehesten „Chef“ oder Teamleiter. 
Meine Sätze haben Gewicht, mein Wortschatz ist präzise, meine Grammatik schnörkellos. Ich lasse im Deutschen selten Raum für Missverständnisse, weil ich genau weiß, wie ich etwas zu sagen habe, wenn ich etwas durchsetzen will.

Ich wirke oft nüchterner. Analytischer. Manchmal schärfer als gewollt. Mein Sarkasmus ist im Deutschen auf den Punkt. Mein Denken hat Struktur, meine Aussagen Ziel.
Im Deutschen denke ich in Kategorien wie: stimmt / stimmt nicht, funktioniert / funktioniert nicht, geht / geht nicht.

Ich bin im Deutschen nicht unbedingt charmant. Aber ich bin effektiv. Irgendwie eben klischeehaft deutsch. Als Führungskraft aber gern gesehen und wichtig.


Englisch – sozial, locker, professionell

Im Englischen rutsche ich automatisch in einen kooperativeren Ton. Ich bin höflicher, diplomatischer, weicher formuliert. Nicht weil ich es sein will, sondern weil die Sprache es mit sich bringt.

„I think we could try it this way“ ist nicht das Gleiche wie „Das muss anders gemacht werden.“
Im Englischen klinge ich freundlicher, auch wenn ich etwas kritisiere. Ich erkläre mehr, ich baue mehr Brücken.

Auch beruflich ist Englisch für mich die Sprache der internationalen Kooperation. Ich wirke professionell, zugänglich, kompetent, aber weniger kantig.

Mein Charakter ist im Englischen kontrollierter, manchmal fast zu glatt. Dafür aber auch teamfähiger. Da Englisch ja die Arbeitssprache an Bord ist, ist vor allem die Wirkung dieser Sprache eben sehr wichtig.


Spanisch – warm, charmant, etwas dramatisch

In Spanisch bin ich emotionaler. Lauter. Ich rede mit mehr Händen, mehr Mimik, mehr Stimmfarbe. Ich nehme Raum ein, aber auf eine einladende Art... hoffe ich. 

Ich wirke verspielter, wärmer, manchmal fast dramatisch, ohne dass es gespielt wäre. Spanisch lässt mich intensiver wirken, auch in kleinen Gesprächen. Ich lache mehr, spreche schneller, verwende stärkere Worte für Gefühle.

Wenn ich auf Spanisch rede, flirtet mein Charakter fast automatisch ein bisschen mit der Welt. Nicht im romantischen Sinn, sondern mit Lebenslust.

Ich erkläre weniger, ich spüre mehr. Im Spanischen gibt's auch tolle Wörter, die es so im Deutschen nicht gibt. Mal 2 Beispiele, die ich gerne mag. 

1. Sobremesa: Bedeutung: Die Zeit, die man nach dem Essen noch gemeinsam am Tisch verbringt. Redet, lacht, flirtet, schweigt, ohne Eile, ganz gemütlich. Beispiel: Me encanta la sobremesa contigo. (Ich liebe diese Zeit nach dem Essen mit dir.)

2. Enmadrado / Enmadrada: Bedeutung: Sehr stark mit der Mutter oder einer anderen Bezugsperson verbunden sein – aber auch übertragen nutzbar für intensive emotionale Abhängigkeit oder Sehnsucht nach Nähe. Wird manchmal spöttisch verwendet, kann aber auch zärtlich gemeint sein, besonders in Beziehungen, wo Nähe fast süchtig macht. Ja, süchtig trifft es eigentlich ganz gut. 


Portugiesisch – weich, melancholisch, rhythmisch

Portugiesisch legt sich wie Musik auf meinen Tonfall. Die Sprache fließt, zieht mich mit. Ich werde ruhiger, weicher, vielleicht sogar etwas träger. Ich denke in Melodien. In Halbsätzen. In Atmosphären. Unheimlich schwer zu erklären. Hört euch mal Interviews oder so auf Portugiesisch an. Eine wirklich spannende Sprache, die man so in Europa nicht findet. 

Mein Charakter wird nachdenklicher. Ich spüre eine gewisse Wehmut mit, diese leise Schwere, die auch in Fado steckt. Gleichzeitig aber auch Nähe, Körperlichkeit, Intimität.

In Portugiesisch sage ich Dinge, die ich auf Deutsch nie so weich aussprechen könnte.
Sätze mit Seele. Nicht mit Struktur. 

Es gibt unheimlich schöne Wörter auf Portugiesisch. Ein paar Beispiele... 

1. Saudade. Bedeutung: Eine tiefe, melancholische Sehnsucht. Nach einer Person, einem Moment, einem Ort, selbst wenn man weiß, dass es nie wieder so wird. Mischung aus Liebe, Verlust, Erinnerung, Schmerz, Hoffnung. Nicht wirklich auf deutsch mit Sehnsucht zu übersetzen... in Saudade steckt noch viel mehr.

2. Cafuné: Bedeutung: Das zärtliche Streicheln oder Kraulen im Haar einer geliebten Person.

3. Tesão: Bedeutung: Sexuelle Lust, Geilheit, aber auch: intensive Begeisterung oder Leidenschaft für etwas. Auch das Wort ist sehr kontextabhängig... und nur für einzelne Situationen gut zu übersetzen. 

4. Quentinho / Quentinha: Bedeutung: „Wärmlich“, nicht nur körperlich warm, sondern emotional wohlig, geborgen. Beispiel: Você me deixa quentinha por dentro. (Du machst mich warm von innen.). Also auch hier steckt noch richtig richtig viel Gefühl im Wort. Liebs!

5. Mimar. Bedeutung: Jemanden liebevoll verwöhnen, umsorgen – auf eine süße, intime Art. Deutlich mehr als das Verwöhnen im Deutschen. Da steckt noch richtig Liebe und Feuer drin. 

6. Cheiroso / Cheirosa: Bedeutung: Jemand, der gut riecht, aber oft benutzt als zärtliche, flirtige Anrede. Seinen Schatzi kann man dann z.b so ansprechen: Oi, minha cheirosa. (Hi, meine Duftende.)


7. Fofinho / Fofinha: Bedeutung: Niedlich, süß, aber auch zärtlich, liebevoll, weich. Auch eine sehr umfassende Art jemanden mit einem Kompliment zu belohnen, das viel inne hat.

8. Apaixonado / Apaixonada: Bedeutung: Verliebt, aber in einer viel stärkeren, aufgeladenen Form als das deutsche „verliebt“. Eher so ein völliges Eintauchen in die andere Person.


Italienisch – impulsiv, laut, charmant-chaotisch

Italienisch zieht mir das Zügel aus der Hand. Ich werde lebendiger, schneller, emotionaler. Mein Temperament springt höher. Ich unterbreche öfter. Ich falle Leuten ins Wort, aber nicht aus Respektlosigkeit, sondern weil alles in mir gerade raus will.

Ich wirke herzlicher. Aber auch chaotischer. Ich denke in Kurven, nicht in Geraden. Ich springe in Gesprächen hin und her, mache große Gesten, unterstreiche mit Händen, mit Augen, mit Geräuschen. Ja, Gestik und Mimik eskaliert im Italienischen. Ganz automatisch.
Im Italienischen explodiert mein Charakter ein bisschen.... und das fühlt sich gut an.

Auch hier noch 2 tolle italienische Wörter. 

1. Struggimento: Bedeutung: Eine tiefe, bittersüße Sehnsucht. Schmerzhaftes Verlangen, das fast schön ist, wie ein melancholisches Vermissen oder das Ziehen im Bauch, wenn man jemanden liebt, der nicht da ist. Also ein Gefühl, was man an Bord oft spürt. 
Beispiel: Mi prende uno struggimento quando penso a te. (Mich überkommt eine bittersüße Sehnsucht, wenn ich an dich denke.). 

2. Spasimare: Bedeutung: Heftig nach jemandem oder etwas verlangen, fast schon körperlich verzehrend. Wird romantisch oder sexuell verwendet. Gefühl: Intensives Begehren, fast schmerzhaft. 
Beispiel: Spasimo per sentirti stringere dentro di me da dietro.
(Ich verzehre mich danach, dich von hinten tief in mir zu spüren.) 😏


Russisch – ernst, direkt, unerwartet poetisch

Ich spreche russisch nicht wirklich fließend. Aber für unkomplizierte Gespräche an bIrd reicht es. Russisch ist für mich eine Sprache mit Wucht. Ich wirke darin ruhiger, ernster, fast kühl, aber nicht leer. Die Sprache trägt etwas Tieferes in sich. Etwas Resigniertes, aber auch Kraftvolles.

Ich wähle meine Worte sorgfältiger. Sätze sind kürzer, prägnanter, oft mit Nachdruck. Ich denke in Bildern und manchmal kommen dabei ganz unerwartet poetische Ausdrücke heraus.
Mein Charakter wird im Russischen dunkler, aber auch klarer. Ich zeige weniger Emotion,  aber was ich sage, hat Gewicht.

2 Beispiele. 

1. томление (tomlénie): Bedeutung: Ein inneres Sehnen, eine quälende, aber gleichzeitig süße Unruhe. Oft im Zusammenhang mit Liebe, Verlangen oder emotionalem Warten. Gefühl: Mischung aus Verlangen, Schwäche, Ungeduld, zarter Qual. 
Beispiel:
Я чувствую томление без тебя.
(Ich spüre eine sehnsüchtige Unruhe ohne dich.). Klingt poetisch, aber ist emotional geladen mit Unterton von erotischer Spannung.

2. нежность (nézhnost’): Bedeutung: Sanfte Zärtlichkeit, aber vielschichtiger. Es geht nicht nur um körperliche Sanftheit, sondern auch um emotionale Wärme, liebevolle Feinfühligkeit. Gefühl: Weiche, tiefe Zuneigung – oft wortlos spürbar, etwa durch Gesten, Blicke, Berührungen.
Beispiel:
В твоих руках я чувствую нежность.
(In deinen Händen spüre ich diese besondere Zärtlichkeit.)

Beide Begriffe sind in der russischen Sprache stark emotional eingebettet. Tomlénie kann erotisch, romantisch oder existenziell wirken. Nezhnost’ ist weicher, aber mit Tiefe, sehr typisch für russische Liebeslyrik und -musik.


Niederländisch – locker, bodenständig, pragmatisch

Niederländisch macht mich ungekünstelt. Ich wirke darin direkter als im Englischen, aber nicht so konfrontativ wie im Deutschen. Irgendwo dazwischen. So hört sich die Sprache ja auch an. 

Ich bin pragmatisch, freundlich, leicht ironisch. Ich denke praktischer, schnörkelloser. Ich erkläre Dinge ohne Umwege. Ich lache schnell, aber nie übertrieben. Es ist die Sprache, in der ich am meisten „bei den Leuten“ bin. Nicht über ihnen, nicht vor ihnen, einfach mitten unter ihnen.

Im Niederländischen bin ich nahbar. Und ich spüre: Mein Charakter wird darin erdiger, gelassener, weniger aufgeladen.

2 Beispiele. 

1. Gezelligheid: Bedeutung: Ein Gefühl von Gemütlichkeit, Intimität, Wärme und sozialer Nähe – aber auf eine sehr niederländische Art. Kann sich auf eine Situation, Stimmung oder auch eine Person beziehen. Aber eben nicht nur „gemütlich“, sondern ein wohliges Zusammensein, in dem Nähe und Verbundenheit mitschwingen.

2. Verlangen: Bedeutung: Ja, das Wort gibt’s auch im Deutschen, aber im Niederländischen ist es viel stärker erotisch/emotional aufgeladen. Es wird oft für tiefes, körperliches Verlangen benutzt, nicht nur als „Wunsch“.
Beispiel:
Ik voel zoveel verlangen naar je huid.
(Ich spüre so viel Verlangen nach deiner Haut.) Sehr direkt, aber in der Sprache trotzdem weich und emotional. Auch wenn die Sprache eher immer lustig klingt, kann man sie schön emotional aufladen. 


Französisch – elegant, zurückhaltend, sprachbewusst

In Französisch bin ich kontrollierter. Präziser. Ich denke stärker über meine Formulierungen nach, achte mehr auf Nuancen. Ich werde leiser. Nicht ängstlicher, aber bewusster.

Mein Charakter wirkt in Französisch gebildeter, vielleicht auch ein bisschen distanzierter. Ich bin höflich, aber nicht kumpelhaft. Ich bin charmant, aber nicht laut. Ich denke mehr über Wirkung nach. Über Form. Über Eleganz. Französisch zwingt mich zur Haltung und ich nehme sie an.

Auch hier noch 2 Beispiele. 

1. Frisson: Wörtlich: Schauer, Gänsehaut. Bedeutung: Dieses Wort beschreibt nicht einfach Kälte oder Angst, sondern besonders den feinen körperlichen Schauer, der durch Erregung, Musik, Nähe oder emotionale Überwältigung entsteht.

2. Trouvaille: Wörtlich: Fundstück. Bedeutung: Ein kleines, oft unerwartetes Juwel, nicht materiell, sondern emotional oder menschlich. Wenn du z. B. jemanden triffst, bei dem du sofort weißt: „Das hier ist besonders“, dann ist diese Person eine trouvaille.

Fazit: Ich bin mehrsprachig. Und mehrcharakterig. Ich denke das kennt jeder, der mehrere Sprachen spricht. Und das ist spannend und mächtig. 

Sprachen öffnen Räume in mir. Sie lassen Seiten zum Vorschein kommen, die im Alltag oft zugeklappt bleiben. Manche machen mich schärfer. Andere weicher. Manche machen mich schneller, andere langsamer.

Ich bin in jeder Sprache ich, aber eben anders sortiert.

Und je besser ich das verstehe, desto bewusster kann ich auch wählen:
Wen von mir ich zeigen will.
Und in welcher Sprache ich mich gerade am liebsten spüre.

Achja, und hier noch ein paar Flüche oder so zum Notieren, falls man es mal braucht und die man an Bord vielleicht öfter hört. 😆

Englisch: “You filthy f***, bend over and take it like the w***** you are.”

Spanisch: “Eres una puta caliente que sólo piensa en pollas.” (Du bist eine heiße S*******, die nur an S***** denkt.)

Portugiesisch: “Sua vadia safada, abre essas pernas e geme meu nome.”
(Du dreckige S******** mach die Beine breit und stöhn meinen Namen.)

Italienisch: “Troia maledetta, fammi venire con quella bocca lurida.”
(Verdammte S*******, bring mich mit deinem dreckigen Mund zum Kommen.)

Russisch: «Сучка ебаная, жри мой хуй как голодная!»
(Verdammte S*******, lutsch meinen S******* wie eine Verhungernde!)

Niederländisch: “Vuile slet, je smeekt erom om hard geneukt te worden.”
(Dreckige S********, du bettelst darum, hart gef***** zu werden.)

Französisch: “Petite salope, ouvre ta bouche et ferme ta gueule.”
(Kleine S*******, mach den Mund auf und halt die Fresse.)

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