Part 37 - Körperliche Belastbarkeit
"Trag halt nicht wie ein Mädchen!“ – Warum körperliche Härte auf See kein Bonus ist, sondern Grundvoraussetzung
Es gibt Jobs, bei denen Muskelkater zum Alltag gehört. Die Seefahrt gehört definitiv dazu. Wer glaubt, dass man hier den ganzen Tag mit dem Fernglas auf der Brücke steht und den Sonnenuntergang beobachtet, kann direkt wieder gehen. Frachtschiff heißt Schleppen, Tragen, Ziehen, Heben – und das oft unter Bedingungen, bei denen andere schon im Fitnessstudio kapitulieren würden.
Schleppen, bis die Arme brennen
50 Kilo? Klingt nach viel. Ist es auch – vor allem, wenn du es nicht einmal, sondern fünfmal durch enge Gänge, steile Treppen und vibrierende Maschinenräume schleppen musst. Wenn du die Hitze spürst, das Hemd am Rücken klebt, du kaum hörst, was gesagt wird, weil der Lüfter röhrt und der Kollege gleichzeitig brüllt, weil etwas schiefgeht.
Das ist kein Training. Das ist Alltag. Und da gibt es keinen Applaus dafür, dass du etwas Schweres getragen hast. Du machst es einfach. Und wenn du’s nicht machst? Dann macht’s keiner. Dann bleibt’s liegen. Oder schlimmer: Dann hängt’s in einer Notlage von dir ab – und du versagst.
Evakuieren ist kein Planspiel
Wenn an Bord was passiert – Feuer, Wassereinbruch, bewusstlose Person – dann zählt nicht, wer den Erste-Hilfe-Kurs auswendig kennt. Dann zählt, ob du zupacken kannst. Ob du in der Lage bist, einen 80-Kilo-Körper über eine Bordschwelle zu wuchten. Ob du mit verschwitzten Händen, pochendem Puls und Sirenen im Ohr noch klar denken kannst.
Ich hab mal einen „Test“-Evakuierungslauf gemacht, bei dem wir unter Lärm und Zeitdruck jemanden retten mussten. Nach fünf Minuten war ich klatschnass, zitterig, und mein Körper hat geschrien, dass er aufhören will. Aber auf einem Schiff gibt’s keinen Pause-Knopf. Da rettest du – oder du lässt es. Und das ist dann keine Simulation.
Hitzebelastung ist real – kein Wort für die Wetter-App
35 Grad im Maschinenraum sind keine Außentemperatur. Sie fühlen sich an wie 50. Es ist stickig, laut, und die Hitze kommt nicht nur von der Luft, sondern von allen Seiten – Wände, Rohre, Motoren. Alles strahlt. Du gehst rein, du spürst sofort, wie dir der Schweiß aus allen Poren schießt. Kein Luftzug, kein Fenster, keine Chance auf Abkühlung. Nur warme, abgestandene Luft mit einem Schuss Öl, Metall und Abgas.
Und dann sollst du da nicht nur kurz was kontrollieren – du sollst arbeiten. Werkzeug holen, klettern, schrauben, schleppen. Und während du versuchst, die Schraube zu lösen, tropft dir der Schweiß in die Augen. Die Handschuhe rutschen. Das Shirt klebt am Rücken. Du trinkst einen halben Liter – und schwitzt ihn in fünf Minuten wieder raus.
Kreislauf? Belastung? Klar. Und wenn du Pech hast, merkst du es zu spät. Ich hab schon Leute gesehen, die im Maschinenraum langsam wackelig wurden, langsamer reagierten, dann ausstiegen und sich kaum noch auf den Beinen halten konnten. Hitzebelastung ist schleichend. Sie macht dich nicht heldenhaft fertig. Sie macht dich leise kaputt. Und genau deshalb ist sie gefährlich.
Du musst lernen, sie zu erkennen. Und damit umzugehen. Denn rausgehen ist keine Option, wenn der Job drinnen noch nicht fertig ist.
Ausdauer? Ja. Aber nicht die aus dem Fitnessstudio.
Kondition ist auf See kein nettes Extra. Sie entscheidet darüber, ob du nach 8 Stunden Schicht noch einsatzfähig bist – oder auf halber Strecke schlappmachst.
Da ist kein Timer, der piept, wenn dein Workout vorbei ist. Es gibt keine Pause zwischen den Sätzen. Wenn du gerade 20 Minuten Container-Lashing in voller Sonne gemacht hast, die Handschuhe durchgeschwitzt sind, deine Beine zittern – und dann kommt der Befehl: „Paletten im Vorschiff müssen auch noch weg“ – dann kannst du nicht einfach sagen: „Ich kann nicht mehr.“
Du musst. Ob du willst oder nicht. Und manchmal heißt das: Noch mal 30 Minuten schleppen, zurren, stapeln. Mit dem Rücken im Wind, Salz in der Kehle und der letzten Kraftreserve. Es geht nicht um Muskelgröße. Es geht darum, ob du weitermachen kannst, wenn du denkst, dass es nicht mehr geht.
Ich hab gelernt: Der Körper kann deutlich mehr, als du glaubst. Aber du musst bereit sein, den Punkt zu überschreiten, an dem du glaubst, dass Schluss ist. Wieder. Und wieder. Ob das gesund ist? Ich weiß es nicht. Die echte Ausdauer ist nicht in der Lunge – sondern im Kopf.
Energie rein, sonst geht gar nichts
Wer körperlich so arbeitet, verbraucht auch wie ein Hochleistungssportler – nur dass niemand am Rand steht und Wasser reicht. An einem normalen Tag an Bord kommst du locker auf 15.000 bis 20.000 Schritte, oft mit Zusatzgewicht, Steigungen, vibrierenden Böden und ständigem Hoch-Runter zwischen Decks und Maschinenraum.
Als Frau habe ich an manchen Tagen über 4.500 Kalorien verbraucht – laut Tracker. Und ja, das fühlt sich auch so an. Wenn du da versuchst, „leicht zu essen“ oder Kalorien zu sparen, kannst du nachmittags gleich die weiße Fahne hissen.
Du brauchst Energie. Und zwar sofort verfügbare.
Kohlenhydrate sind kein Feind – sie sind dein Treibstoff. Nudeln, Brot, Reis, Kartoffeln – das Zeug, das in Diätblogs verteufelt wird, ist hier überlebenswichtig. Wer nicht spachtelt, baut ab. Und zwar schnell. Ich hab’s ausprobiert – einmal zu wenig gegessen, und schon beim zweiten Einsatz war der Kreislauf im Keller, die Beine schwer wie Blei und der Kopf matschig.
Hunger hat an Bord keinen Platz. Du musst funktionieren. Auch am Ende der Schicht. Auch bei 35 Grad. Auch wenn’s die dritte Schweißattacke des Tages ist.
Feinmotorik mit zitternden Fingern
Kennst du das Gefühl, wenn du so erschöpft bist, dass dir die Hände zittern – und du trotzdem noch ein Ventil zudrehen musst, bei dem du genau zwei Sekunden Zeit hast, bevor es richtig knallt? Willkommen in der Wirklichkeit. Fehler darfst du dir auch im Zustand völliger Erschöpfung nicht leisten. Du musst präzise bleiben. Klar im Kopf. Auch wenn dein Körper längst „Reißleine“ schreit.
Arschwasser und triefende Unterwäsche – aber der Körper dankt’s
Ja, du wirst schwitzen. Nicht bisschen, sondern so, dass die Unterhose trieft, der BH klebt und sich der Maschinenraum anfühlt wie ein Dampfbad aus Diesel, Öl und deinem eigenen Arschwasser. Klingt eklig? Ist es auch. Aber du gewöhnst dich dran – und der Spiegel fängt an, es dir heimzuzahlen. Positiv.
Bizeps? Kommt. Schultern? Hart. Bauch? Zeichnet sich ab. Rücken und Waden? Können sich sehen lassen. Und ja – der Arsch? Wird einfach geil. Nicht, weil du stundenlang Squats im Gym machst, sondern weil du Tag für Tag funktional buckelst.
Mir gefällt’s. Meiner Fitness tut’s gut. Und Lena findet es auch ganz nett 🤭
Du brauchst nicht nur Muskeln – du brauchst einen Grund
Was dich durch solche Tage bringt? Sicher nicht nur Kraft oder Kondition. Sondern Wille. Sturheit. Trotz. Oder der Gedanke: „Ich will hier bestehen.“ Ich habe Tage gehabt, da habe ich nicht gewusst, wie ich noch die letzte Stunde durchstehen soll. Und ich hab’s trotzdem gemacht – nicht, weil ich stärker war als die anderen. Sondern weil Aufgeben keine Option war.
Fazit: Wer hier bestehen will, muss mehr mitbringen als ein gutes Zeugnis
Seefahrt verlangt körperlich alles ab. Und niemand fragt dich, wie du dich fühlst. Du musst einfach funktionieren – auch wenn du müde bist, erschöpft, durchgeschwitzt oder angekotzt. Und ja, manchmal fragt auch niemand, ob du Hilfe brauchst. Weil alle gerade selbst am Limit sind.
Wer das nicht aushält, hat an Bord nichts verloren.
Und wer durchhält? Der weiß: Es gibt kaum etwas, das dich an Land noch aus der Ruhe bringen kann.
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