Part 29 - Heimweh und Sehnsucht gleichzeitig
Sehnsucht und Heimweh – gleichzeitig.
Ich bin jetzt seit einer Woche wieder zuhause. Drei Monate war ich unterwegs auf dem Schiff – drei intensive Monate voller Routine, Wind, Lärm, Verantwortung, Erschöpfung und dieser ganz eigenen Freiheit, die man nur auf See spürt. Jetzt bin ich wieder an Land. In meinem eigenen Bett. Zwischen meinen eigenen Wänden. Die Kaffeemaschine steht da, meine Klamotten hängen wieder im Schrank, ich kann wieder barfuß durchs Zimmer laufen, ohne gegen eine Stahltreppe zu knallen. Und doch fühlt sich nichts davon wirklich wie zuhause an.
Ich spüre eine komische Mischung aus Sehnsucht und Heimweh. Sehnsucht nach dem Meer, nach dem Rhythmus an Bord, nach dem funktionierenden Alltag in der Enge. Und gleichzeitig Heimweh – obwohl ich hier bin. Heimweh nach etwas, das ich nicht benennen kann. Vielleicht nach mir selbst. Nach Ruhe im Kopf. Nach einem klaren Gefühl. Heimweh nach Zuhause sein, obwohl ich Zuhause bin.
Meine Gedanken sind voll und leer zugleich. Ich denke viel – aber an nichts Konkretes. Alles flimmert irgendwie, diffus, bedeutungslos. Ich will was mit mir anfangen, aber weiß nicht was. Ich könnte lesen, rausgehen, Menschen treffen – aber alles überfordert mich. Selbst einfache Gespräche fühlen sich anstrengend an, als müsste ich in ein soziales Kostüm steigen, das mir gerade nicht passt. Ich merke, wie dünn meine Haut ist. Wie wenig ich eigentlich sagen kann, wenn jemand fragt: Und, wie war’s?
Wie war’s?
Es war alles.
Es war viel.
Es war hart.
Es war gut.
Und jetzt ist da dieses Loch. Keine Katastrophe, kein Drama. Einfach nur Leere, wie ein Echo von dem, was vorher war. Die Welt an Land hat sich weitergedreht, hier ist alles wie immer – aber ich bin anders zurückgekommen. Ich passe gerade nicht so recht rein.
Und dabei steht das nächste Abenteuer schon bevor. Bald geht es aufs U-Boot. Eine komplett andere Welt. Noch enger. Noch stiller. Komplett offline. Kein Kontakt nach draußen. Kein Tag-Nacht-Rhythmus – künstliches Licht, Schichtarbeit, ständiger Maschinenlärm. Keine Privatsphäre. Nicht mal ein richtig eigener Ort zum Runterkommen.
Es wird körperlich und psychisch extrem hart. Das weiß ich. Und genau das spukt mir ständig durch den Kopf. Ich frage mich: Bin ich bereit dafür? Kann ich das überhaupt? Und: Warum tue ich mir das an?
Die Antwort ist nicht klar. Oder vielleicht doch. Vielleicht, weil ich dort – in dieser totalen Reduktion – irgendwie mehr ich selbst bin. Weil es zwar anstrengend ist, aber auch ehrlich. Weil man keine Energie verschwenden muss auf Oberflächlichkeiten. Weil alles reduziert wird auf das, was zählt: Funktionieren, Vertrauen, Technik, Team.
Aber jetzt gerade bin ich dazwischen. In diesem eigenartigen Zustand aus Erschöpfung und Aufbruch. Ich weiß nicht, wie ich runterkommen soll – und gleichzeitig kann ich mich nicht richtig erholen, weil das nächste Ding schon vor der Tür steht.
Vielleicht gehört das einfach dazu. Dieses Leben zwischen den Welten, zwischen Meer und Land, zwischen Nähe und Isolation. Vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung: Nicht das Dasein auf dem Schiff oder U-Boot. Sondern das Dazwischen. Das Loslassen und Wiederankommen.
Es ist nicht leicht. Aber ich wollte ehrlich sein. Auch das gehört dazu.
Und ja – es fühlt sich manchmal an wie Schwäche, das alles so zu empfinden. Diese Überforderung, das emotionale Chaos, die Antriebslosigkeit. Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich denke: Reiß dich zusammen. Du hast das doch gewählt. Du wolltest das doch. Aber so einfach ist es nicht. Nur weil man sich bewusst für ein hartes Leben entscheidet, heißt das nicht, dass es einen nicht trotzdem manchmal niederdrückt. Und das darf es auch. Ich bin keine Maschine. Ich funktioniere gut, ja – aber ich bin auch einfach ein Mensch. Und es gehört Mut dazu, sich das einzugestehen. Zu sagen: Ich kann gerade nicht mehr. Ich bin müde. Ich brauche kurz einen Moment, um mich wieder zu finden. Vielleicht ist genau das keine Schwäche – sondern der ehrlichste Teil von mir.
Was mir auch schwerfällt: Ich hab oft Angst, anstrengend zu sein. Mit all dem Gejammer, den Gedanken, die im Kreis laufen, den Problemen, die ich ja irgendwie selbst mit diesem Leben gewählt habe. Ich will nicht, dass mein Schatzi das alles auffangen muss – dass sie sich ständig Sorgen macht oder das Gefühl hat, mich retten zu müssen. Ich seh ja, wie viel Liebe da ist, wie viel Geduld. Aber ich fühl mich manchmal wie eine Baustelle, für die sie keinen Bauplan bekommen hat. Und dann flüchte ich mich in das, was kurzfristig funktioniert – Sex. Körperlichkeit ist einfach. Vertraut. Greifbar. Für ein paar Momente ist alles gut. Ich fühl mich sicher, begehrt, nah. Aber danach kommt das Gefühl wieder zurück. Manchmal sogar noch stärker. Und ich frag mich: Wie lange kann man das so machen, ohne sich selbst oder den anderen zu verlieren?
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