Part 27 - Lea's Life: Harte Ellenbogen

Warum man Ellenbogen, eine direkte und offene Art braucht – und manchmal auch mal vulgär sein muss

Seefahrt ist nichts für zarte Gemüter. Es ist ein harter Job, ein direktes Umfeld, oft laut, oft ruppig. Und als Frau in diesem Beruf? Da muss man sich doppelt beweisen. Wer höflich, leise und zurückhaltend ist, geht schlicht unter. Wer sich nicht durchsetzt, wird übergangen. Wer nicht laut wird, wird nicht gehört. Ob man das Wort "Fuck" öfter hört als das Wort "Please"? Ich denke schon. Wichtig vor dem Lesen. Einige Aspekte hier sind sexistisch oder vulgär, das ist mir bewusst und heiße ich nicht gut. Wieso es hier aber ohne manchmal nicht geht, erkläre ich hier. 


Klare Worte – sonst passiert nichts

Es gibt Momente, da kann ich nicht warten, bis jemand „bitte“ sagt. Wenn ein Manöver gefahren wird, wenn in einer gefährlichen Situation schnell gehandelt werden muss, dann zählt nur eines: klare, direkte Ansagen. In solchen Situationen gibt es keine Diskussionen, kein „Kannst du vielleicht...?“ – sondern ein „Mach das jetzt!“.

Dieser direkte Tonfall ist nicht unhöflich, er ist notwendig. Und ja, manchmal ist er auch vulgär. Wenn jemand nicht hört, wenn sich jemand dumm verhält oder Sicherheitsvorgaben ignoriert, dann kommt eben auch mal ein „Do your fucking Job and Stop talking!“. Manchmal ist das die einzige Sprache, die ankommt.


Dazu gehören – oder eben nicht

So rau der Umgangston auch sein mag, er gehört zur Kultur an Bord. Wer sich zu fein für ein bisschen direkte Sprache oder Seemannsjargon ist, steht schnell außen vor. Es geht nicht nur darum, sich durchzusetzen – es geht auch darum, als Teil der Crew wahrgenommen zu werden. Ausgeschlossen zu werden ist ja auch richtig blöd. 

Manchmal mache ich bei der derben Sprache und den Sprüchen einfach mit, weil es dazugehört. Nicht, weil ich es immer gut finde, sondern weil ich weiß: Wer sich komplett abgrenzt, wird irgendwann nicht mehr als Teil des Teams gesehen. Und das ist auf einem Schiff, wo man monatelang mit den gleichen Leuten zusammenlebt und arbeitet, das Letzte, was man will.

Man kann sich nicht immer rausnehmen, nicht immer den moralischen Zeigefinger heben oder sich distanzieren. Manchmal heißt dazugehören eben auch, mitzulachen, mitzumachen – auch wenn man sich im ersten Moment vielleicht denkt: „Muss das jetzt sein?“ Aber es ist der Code, nach dem dieses Leben funktioniert. Und wer ihn nicht spricht, bleibt außen vor. Dass ich dir Sprüche selbst nicht gut finde, ist dann oftmals so, aber manchmal heißt es eben einfach: Einfach mal mitmachen. So diskutiert man über die Oberweite von Frauen in der Bildzeitung oder erstellt ein Rating von Frauen aus dem Nacktkalender in der Küche. Alles nichts, was ich ansatzweise gut finde, irgendwie "muss" es das aber manchmal sein, um hier nicht die Außenseiterin zu sein - die ich aufgrund meines Geschlechts eh schon bin. 


Häfen: Ein rauer Umgangston ist Pflicht

Besonders in den Häfen ist das wichtig. Dort herrscht ein raues Klima – wortwörtlich und im Umgang miteinander. Hafenarbeiter, Lotsen, Crewmitglieder aus aller Welt – hier wird nicht lange gefackelt. Wer in so einer Umgebung zu sanft auftritt, wird nicht ernst genommen. Das bedeutet nicht, dass man respektlos ist, aber es bedeutet, dass man Präsenz zeigen muss. Ein „Sorry, könnte ich vielleicht…?“ bringt dich nirgendwo hin. Aber ein klares „Shut the Fuck Up and Go on!“ schon.

Gerade als Frau ist es oft ein Kampf. Männer testen aus, ob sie dich ignorieren können, ob du nachgibst, ob du die Klappe hältst. Die Antwort muss immer „Nein“ sein. Wer sich hier nicht durchsetzt, verliert.


Dickes Fell statt dünne Haut

Wer auf einem Frachtschiff unterwegs ist, kann es sich nicht leisten, empfindlich zu sein. In stressigen Situationen fliegen die Worte manchmal härter als der Wind bei Sturm – und das ist nichts Persönliches. Wenn es brenzlig wird, zählt Effizienz, nicht Höflichkeit. Da wird nicht lange drum herum geredet, sondern gebrüllt, geflucht und befohlen. Wer da jedes Wort auf die Goldwaage legt oder sich beleidigt zurückzieht, ist fehl am Platz.

Gerade als Frau in einer Männerdomäne darf ich mir keine dünne Haut leisten. Wenn mich ein Kollege in der Hitze des Gefechts anraunzt, weil ich ihm nicht schnell genug ein Werkzeug reiche, dann weiß ich: Das ist kein Angriff auf mich, sondern einfach die Art, wie hier kommuniziert wird. Nach der Schicht ist der Ton wieder normal, vielleicht gibt’s ein kurzes „War nicht so gemeint“, vielleicht auch nicht – aber es ist klar, dass es nichts mit persönlicher Abneigung zu tun hat. Wer hier überlebt, lernt, sich nicht an jedem Wort festzubeißen, sondern sich aufs Wesentliche zu konzentrieren.


Vulgär sein – manchmal das einzige Mittel

Manchmal hilft nichts anderes als eine unmissverständliche Wortwahl. Ein „Kannst du mal aufpassen?“ kann einfach ignoriert werden. Ein „Mach jetzt deinen verdammten Job, bevor wir hier ein Riesenproblem haben!“ nicht.

Natürlich ist das nicht die schönste Art zu kommunizieren. Aber es ist eine, die funktioniert. Und in einer Umgebung, in der Fehler tödlich sein können, geht es nicht um Etikette, sondern darum, dass alle sicher und effizient arbeiten.


Zurück an Land – und plötzlich zu direkt

Das Problem dabei? Man gewöhnt sich daran. Man gewöhnt sich an die direkte Art, an das schnelle, unmissverständliche Kommunizieren. Man lernt, sich nicht mit unnötigem Smalltalk aufzuhalten, sondern klar zu sagen, was Sache ist. An Bord ist das normal, oft sogar notwendig. Aber dann kommt der Moment, wenn man nach Hause kommt – und plötzlich im Alltag aneckt.

Wenn man im Supermarkt hinter jemandem steht, der trödelt, und statt einem höflichen „Könnten Sie bitte ein Stück zur Seite gehen?“ ein ungeduldiges „Mach mal Platz“ raushaut. Wenn man in der Schlange beim Bäcker genervt ein „Macht mal hin, ich hab’s eilig“ murmelt. Oder wenn man im Café nicht freundlich nach einem Kaffee fragt, sondern ein knappes „Ich brauch jetzt 'nen Kaffee“ hinschmettert.

Besonders in Diskussionen fällt mir auf, wie unterschiedlich die Kommunikation an Land und auf See ist. Während andere vorsichtig ihre Meinung formulieren und zwischen den Zeilen reden, haue ich einfach raus: „Das ist kompletter Blödsinn.“ Nicht, um jemanden zu beleidigen, sondern weil ich es gewohnt bin, direkt zu sein. Ich merke oft erst an den irritierten Blicken, dass ich vielleicht mal wieder ein bisschen zu hart war.

Und dann gibt es noch die Sprüche, die mir manchmal einfach so rausflutschen, weil sie an Bord völlig normal sind. Ein lässiges „Halt die Klappe und mach’s einfach“ in einer hitzigen Diskussion mit Freunden. Ein „Reiß dich zusammen, ist doch kein Drama“ zu jemandem, der sich über etwas ärgert. Oder ein unbewusst hingeworfenes „Alter, komm zum Punkt!“ wenn mir jemand eine Geschichte mit zu vielen Details erzählt.

Für mich ist das kein Problem, weil ich es so gewohnt bin. Aber ich sehe es an den Reaktionen. Der überraschte Blick meiner Mutter, wenn ich statt „Könntest du mir bitte das Salz geben?“ einfach „Gib mir mal das Salz“ sage. Die leichte Irritation einer Freundin, wenn ich eine Meinung direkt und ohne Filter raushaue. Oder der entsetzte Blick einer Bedienung, wenn ich im Restaurant ein „Ich brauch noch Kaffee“ von mir gebe, ohne ein „bitte“ dranzuhängen.

Es dauert eine Weile, sich wieder an das höfliche, indirekte Kommunizieren zu gewöhnen. Und manchmal passiert es mir trotzdem, dass mir etwas zu direkt rausrutscht. Dann sehe ich die verwirrten oder schockierten Blicke und denke mir: „Ach ja, ich bin nicht mehr an Bord…“.

P.s. meine Verlobte beschwert sich beim Dirty und Flirty Talk ab und zu. Da bin ich dann oft noch deutlich zu vulgär und zu wenig romantisch 😆


Wieso es im Alltag manchmal aber hilft

Aber diese direkte Art hat auch ihre Vorteile – besonders, wenn es im Alltag mal kracht. Während andere vielleicht nervös werden oder versuchen, Konflikten aus dem Weg zu gehen, habe ich gelernt, klar und bestimmt aufzutreten. Wenn mich jemand anrempelt und blöd anmacht, kommt von mir kein unsicheres „Ähm… Entschuldigung?“, sondern ein festes „Pass auf, wo du hinläufst!“. Wenn mir jemand frech kommt, antworte ich nicht verlegen, sondern direkt: „Hast du ein Problem? Dann sag’s klar.“

Diese Art hilft, wenn man sich durchsetzen muss – sei es in einer Diskussion, in einem vollen Zug, wenn jemand sich vordrängelt, oder wenn man merkt, dass jemand versucht, einen auszunutzen. Ich habe kein Problem damit, jemandem ins Gesicht zu sagen, dass er sich respektlos verhält. Während andere noch überlegen, wie sie es höflich formulieren können, habe ich es schon gesagt. Klar, das kommt nicht immer gut an. Aber manchmal ist es genau das, was in einer Situation nötig ist.


Ein harter Job braucht eine harte Schale

Am Ende ist es eine Balance. Man muss sich anpassen können. An Bord braucht es die Ellenbogen, die direkte, manchmal vulgäre Art. Zuhause braucht es Feingefühl, Anpassung. Aber eins ist sicher: Ohne Durchsetzungsvermögen, ohne klare Worte und ohne eine gewisse Härte hält man es in diesem Job nicht lange aus.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Part 34 - Isolation und Einsamkeit

Part 32 - Die Sache mit der Privatsphäre

Part 30 - Wieder aufgetaucht