Part 24 - Lea's Life: Wut und Streit

Wann ich mal wütend oder laut werde

Grundsätzlich bin ich eine ruhige Person. Ich mag keine unnötigen Konflikte, halte mich meist aus hitzigen Diskussionen raus und versuche, mit Logik, Geduld und manchmal auch Humor durch den Alltag zu kommen. Doch es gibt Momente, in denen ich laut werde – nicht, weil ich Lust auf Streit habe, sondern weil es notwendig ist. Und das ist meistens dann der Fall, wenn es um Sicherheit geht.

Arbeiten auf See gehört zu den gefährlichsten Berufen der Welt. Die Unfallrate in der Schifffahrt ist um ein Vielfaches höher als in vielen anderen Branchen. Laut der International Maritime Organization (IMO) passieren jedes Jahr Hunderte schwerer Unfälle, oft mit tödlichem Ausgang. Besonders häufig sind Stürze über Bord, Brände, Maschinenunfälle und Kollisionen. Die extremen Bedingungen auf See – starker Seegang, eisige Temperaturen, tropische Hitze oder schlechte Sicht – verschärfen die Risiken zusätzlich. Besonders gefährlich sind Arbeiten im Maschinenraum, auf Deck bei schlechtem Wetter oder in engen Räumen mit giftigen Gasen. Auch Piraterie ist in manchen Regionen ein echtes Risiko. Ein Notfall kann jederzeit eintreten, und anders als an Land gibt es kein Krankenhaus um die Ecke. Rettung kann Stunden oder sogar Tage dauern. Deshalb sind strenge Sicherheitsvorschriften und regelmäßige Übungen unerlässlich – sie entscheiden im Ernstfall über Leben und Tod.


Sicherheitsregeln sind keine Vorschläge

Wenn man auf einem Schiff arbeitet, hat Sicherheit immer oberste Priorität. Es gibt klare Vorschriften, Sicherheitsmaßnahmen und Routinen – aus gutem Grund. Ein kleiner Fehler kann hier schnell zu einer Katastrophe führen. Und trotzdem gibt es immer mal wieder Leute, die es mit den Regeln nicht so genau nehmen.

Ich bin die Letzte, die jemandem für kleine Nachlässigkeiten den Kopf abreißt, aber wenn jemand ohne Sicherheitsschuhe durch den Maschinenraum läuft, sich in gefährlichen Situationen nicht festhält oder bei Übungen nicht bei der Sache ist, dann platzt mir der Kragen. Denn genau dann wird es ernst.


Wieso muss ich eigentlich aufpassen? 

Durch meine Lizenzen und Qualifikationen trage ich an Bord nicht nur Verantwortung für meine eigene Sicherheit, sondern auch für die der Crew. Ich könnte theoretisch vieles einfach ignorieren, aber so funktioniert das nicht – nicht auf einem Schiff, wo jeder auf den anderen angewiesen ist. Wenn jemand Sicherheitsvorschriften missachtet oder leichtsinnig handelt, betrifft das nicht nur ihn selbst, sondern potenziell die gesamte Besatzung. Ein Unfall kann den Betrieb lahmlegen, lebensbedrohlich sein oder im schlimmsten Fall das ganze Schiff in Gefahr bringen. Deshalb sehe ich es als meine Pflicht, einzugreifen, wenn ich sehe, dass jemand sich selbst oder andere unnötig in Gefahr bringt – sei es durch fehlende Schutzausrüstung, Nachlässigkeit bei Übungen oder schlicht durch Dummheit. Niemand will wegen einer vermeidbaren Aktion im Notfallmodus landen und die Tour massiv verzögern. 


Da gibt es die Klassiker:

"Ach, die Schuhe hab ich vergessen." – Ja, und wenn dir eine 50-Kilo-Kiste auf den Fuß fällt, dann kannst du den Rest der Reise humpelnd verbringen.

"Ich halte mich schon irgendwie fest." – Bis eine unerwartete Welle kommt und du dich mit dem Kopf gegen die nächste Stahlkante verabschiedest.

"Wieso müssen wir die Übung nochmal machen?" – Weil im Ernstfall niemand Zeit hat, die Bedienungsanleitung für die Rettungsinseln zu lesen.

Solche Situationen sind für mich keine Lappalien. Wer mit seinem eigenen Leben spielt, ist eine Sache – wer aber damit auch andere gefährdet, geht gar nicht. Da werde ich laut, und zwar so, dass auch jeder mitbekommt, dass das hier nicht verhandelbar ist.


Blödeleien in gefährlichen Situationen

Ein bisschen Spaß und lockere Sprüche gehören dazu, keine Frage. Aber es gibt Momente, in denen Albernheit fehl am Platz ist.

1. Wenn jemand im Maschinenraum auf eine Maschine klettert, „weil das ja schneller geht“.

2. Wenn sich jemand während eines Manövers „mal kurz auf die Reling setzt“.

3. Wenn bei einer Feuerlöschübung nicht ernsthaft mitgemacht wird, weil es ja „eh nur eine Übung“ ist.

Da verstehe ich keinen Spaß. Denn wer sich so verhält, zeigt, dass er oder sie nicht begriffen hat, wie gefährlich diese Umgebung ist. Wenn ich dann laut werde, ist das nicht, weil ich Spaß verderben will, sondern weil ich verhindern will, dass wir irgendwann einen Notfall haben, den wir nicht mehr rückgängig machen können.


Politik, Gesellschaft, Sexismus – Ruhe statt Wut

Es gibt aber auch Themen, die mich innerlich aufregen, bei denen ich aber nicht laut werde – weil es nichts bringt. Diskussionen über Politik, Gesellschaft, Sexismus oder Homophobie? Klar, ich habe meine Meinung, aber ich weiß auch, dass Wut in solchen Gesprächen selten etwas ändert.

Als Frau in einer Männerdomäne habe ich natürlich schon einiges erlebt – blöde Sprüche, unterschwellige Skepsis, das Gefühl, sich doppelt beweisen zu müssen. Aber ich habe auch gelernt, dass ein lauter Streit oft weniger bringt als eine klare, ruhige Ansage. 

Ich sehe es so: Wer dummes Zeug redet, weiß es manchmal einfach nicht besser. Wenn ich ruhig bleibe und meine Argumente sachlich vorbringe, erreiche ich meistens mehr, als wenn ich lospoltere. Es gibt Leute, die man nicht umstimmen kann – aber es gibt auch viele, die einfach nie über gewisse Themen nachgedacht haben. Und da lohnt sich der geduldige Ansatz mehr.


Die „Mutterrolle“ unter Männern

Ein interessantes Phänomen, das mir immer wieder auffällt: Als einzige Frau an Bord bin ich oft nicht nur Ingenieurin, sondern auch eine Art „Mutterfigur“ – und das, obwohl ich darauf eigentlich gar keine Lust habe.

1. Ich erinnere Leute daran, sich warm genug anzuziehen, wenn es eisig ist.

2. Ich sorge dafür, dass jemand, der krank ist, nicht einfach mit „Ach, wird schon gehen“ weitermacht, sondern sich ausruht.

3. Ich bin oft diejenige, die in stressigen Situationen mal einen Gang rausnimmt und darauf achtet, dass sich keiner völlig verausgabt.

Das passiert nicht, weil ich das bewusst übernehme, sondern weil es oft keiner sonst tut. Viele Männer auf See haben einen „Zähne zusammenbeißen und durchziehen“-Ansatz, den ich einerseits bewundere, der aber manchmal einfach unvernünftig ist. Und oftmals wollen sie sich einfach beweisen. Unter den Männern gibt es einen gewissen Konkurrenz Druck - wer ist der coolste, wer der stärkste? Wer kann mich, die einzige Frau, am besten beeindrucken? Oftmals wird dann das coole Verhalten ausgegraben. Wobei ich eigentlich regelkonformes Verhalten am attraktivsten finden würde 😉

Gleichzeitig ist es auch anstrengend, immer diejenige zu sein, die den Überblick über das große Ganze behält. Ich erwarte von niemandem, dass er sich um mich kümmert – aber manchmal wäre es schön, wenn das andersherum auch gelten würde.


Fazit

Ich bin nicht der Typ, der grundlos laut wird. Aber wenn es um Sicherheit geht, dann gibt es für mich keine Kompromisse. Dann muss jeder verstehen, dass das hier kein Spielplatz ist, sondern ein Arbeitsplatz, an dem Fehler schlimme Konsequenzen haben können.

In politischen oder gesellschaftlichen Diskussionen halte ich mich dagegen eher zurück – nicht, weil sie mir egal sind, sondern weil ich weiß, dass Wut selten überzeugt.

Und als einzige Frau an Bord? Da habe ich manchmal eine Rolle, die ich mir nicht ausgesucht habe, die aber trotzdem zu mir gehört. Man gewöhnt sich daran, aber manchmal wäre es auch schön, wenn sich andere mal um mich kümmern würden – oder zumindest daran denken würden, dass es nicht meine Aufgabe ist, ihnen hinterherzuräumen.

 

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