Part 19 - Lea's Life: Weihnachten, Geburtstage und Silvester

Feiertage und Geburtstage an Bord – Feiern mitten auf dem Ozean

Feiertage sind für viele Menschen eine Zeit der Familie, der Traditionen und des Zusammenseins. Doch für Seeleute gelten andere Regeln. Weihnachten, Geburtstage oder Silvester – all das kann man auch mitten auf dem Ozean erleben. Manchmal mit einem Hauch von Festlichkeit, manchmal als ganz normaler Arbeitstag.



Weihnachten ohne Schnee, aber mit Maschinenlärm

Weihnachten ist wohl der härteste Feiertag für Seeleute, besonders für diejenigen mit Familie und Kindern. Während sich zu Hause alle unter dem Weihnachtsbaum versammeln, Geschenke auspacken und gemeinsam essen, sitzt man selbst vielleicht im Maschinenraum, auf der Brücke oder irgendwo auf dem Deck – bei 30°C in den Tropen oder mitten im eiskalten Nordatlantik. Kein Schneegestöber, keine vertrauten Weihnachtslieder aus dem Radio, kein Duft von Tannennadeln und Plätzchen – stattdessen die immer gleichen Geräusche der Maschinen, das Brummen des Schiffes und das Wissen, dass zu Hause gerade alle zusammensitzen, nur eben ohne einen selbst.

Je nach Crew und Schiff wird dennoch versucht, ein wenig Weihnachtsstimmung zu schaffen. In manchen Kombüsen gibt es an Heiligabend ein besonders gutes Essen, vielleicht sogar ein improvisierter Festtagsbraten oder ein paar Kekse, die jemand von zu Hause mitgebracht hat. Manche Crews schmücken den Aufenthaltsraum mit dem, was sie finden – Lichterketten, die eigentlich für die Notbeleuchtung gedacht sind, eine aus Draht und Papier gebastelte Krippe oder ein kleiner Plastikbaum, der jedes Jahr aus einer Kiste geholt wird. Wer religiös ist, hält vielleicht eine kleine Andacht ab oder schaltet sich per Funk oder Videoanruf zu einem Gottesdienst an Land.

Doch selbst mit all diesen kleinen Versuchen bleibt es ein merkwürdiges Fest. Die Arbeit ruht nicht – wer Wache hat, muss Wache gehen, wer Maschinenwartung hat, steht auch an Weihnachten bis zu den Ellenbogen im Öl. Und während an Land Bescherung gefeiert wird, kann es gut sein, dass man auf See gerade mitten in einem Sturm steckt oder sich mit der Technik herumschlagen muss. Viele versuchen, wenigstens kurz Kontakt mit der Familie zu haben, doch je nach Satellitenverbindung ist das nicht immer so einfach. Und für manche ist es sogar besser, sich gar nicht erst zu melden – zu hören, dass zu Hause alles schön ist, kann es nur noch schwerer machen, selbst weit weg zu sein.

Trotzdem gibt es Momente, in denen Weihnachten an Bord besonders wird. Vielleicht ein Kollege, der sich besonders viel Mühe gibt, ein kleiner Moment der Gemeinschaft, ein unerwarteter Anruf, der doch noch durchgeht. Und dann bleibt da immer noch die Gewissheit, dass Weihnachten zwar an Bord anders ist, aber irgendwann kommt man nach Hause. Dann gibt es vielleicht eine nachträgliche Bescherung, ein gemeinsames Essen, und wenn die Kinder ihre Geschenke längst ausgepackt haben, wartet oft trotzdem noch eines – für den, der diesmal nicht dabei sein konnte.


Weihnachts- und Geburtstagspost.

Ein echtes Highlight zu Weihnachten – oder generell auf langer Fahrt – ist es, wenn man doch noch ein Paket oder einen Brief von der Familie erhält. Doch das ist oft eine logistische Herausforderung. Viele Angehörige schicken ihre Geschenke oder Karten an die Reederei, die sie dann über Agenten in einen passenden Hafen weiterleitet. Manche Besatzungsmitglieder haben auch die Möglichkeit, sich Post an Botschaften oder Konsulate in großen Hafenstädten schicken zu lassen. Dort kann man sie dann beim nächsten Anlauf abholen – zumindest theoretisch.

Das Timing muss genau stimmen. Wenn das Schiff den Hafen erreicht, muss das Paket schon da sein. Sonst bleibt es liegen, wird zurückgeschickt oder geht ganz verloren. Dazu kommen die bürokratischen Hürden: Manche Länder haben strenge Zollbestimmungen. Pakete dürfen oft nur einen bestimmten Wert haben, und Lebensmittel oder bestimmte Artikel sind in einigen Häfen nicht erlaubt. Manchmal wird ein Päckchen deshalb erst lange geprüft, verzögert sich – oder wird gar nicht erst durchgelassen. Wer Pech hat, bekommt sein Weihnachtspaket erst Wochen oder Monate später in die Hand.

Doch wenn es klappt, ist die Freude riesig. Ein kleiner Gruß von zu Hause, eine handgeschriebene Karte, ein Foto, das nicht nur digital auf dem Handy existiert – das sind Dinge, die Weihnachten auf See ein wenig weniger einsam machen. Besonders wertvoll sind selbstgebackene Kekse oder andere Kleinigkeiten, die einen Hauch von Heimat bringen. Selbst wenn sie die Reise nicht ganz unbeschadet überstehen, ist allein die Geste viel wert. Ein Brief oder ein Paket mag für Außenstehende wie eine Kleinigkeit wirken, aber für einen Seemann irgendwo mitten auf dem Ozean bedeutet es, dass jemand zu Hause an ihn denkt – und das ist manchmal das schönste Geschenk.

Nichtsdestotrotz verzichten viele darauf Post empfangen zu wollen. Das Risiko dass es kaputt geht, nicht ankommt oder bei irgendeinem Zoll hängen bleibt, ist einfach zu groß.



Trotzdem versuchen viele Crews, das Beste daraus zu machen:

Ein besonderes Essen – Wenn der Smutje (der Koch) gut drauf ist, gibt es vielleicht ein aufwendigeres Menü. Manche Crews bringen sogar von Land etwas Besonderes mit, das bis Weihnachten aufgespart wird. Ein bisschen Deko – Ein kleiner Plastikbaum auf dem Tisch, ein paar Lichterketten oder improvisierte Weihnachtsdeko aus Seilen und alten Seekarten – Seeleute sind kreativ. Videotelefonate mit der Familie – Falls das Internet funktioniert. Falls nicht, bleibt nur das Warten auf den nächsten Hafen oder auf besseren Empfang.
Manche Reedereien sorgen für kleine Geschenke oder Extra-Versorgungspakete, aber am Ende bleibt der harte Fakt: Man ist nicht zu Hause. Und das fühlt sich immer ein bisschen falsch an.



Geburtstage – Arbeiten wie jeder andere Tag

Geburtstage auf See sind meistens eine eher unspektakuläre Angelegenheit. Es gibt keinen freien Tag, keine große Feier, keine Dekorationen oder Überraschungspartys – das Bordleben geht einfach weiter. Wer Dienst hat, hat Dienst, und je nach Schicht kann es gut sein, dass der eigene Geburtstag mit einer ganz normalen Wachschicht beginnt oder endet. Manche Crews machen sich jedoch die Mühe, den Tag zumindest ein bisschen besonders zu gestalten. Ein selbstgebackener Kuchen aus der Bordküche, ein improvisiertes Ständchen oder eine kleine Grußkarte von den Kollegen – mehr braucht es manchmal gar nicht, um ein wenig Freude in den Bordalltag zu bringen.

Viele Seeleute verschieben ihre Feierlichkeiten auf den nächsten Hafen, wenn es sich anbietet. Und das kann durchaus ein Vorteil sein. Während andere Jahr für Jahr am selben Ort feiern, kann es einem Seemann passieren, dass er seinen Geburtstag einmal in Singapur, dann in Kapstadt und ein Jahr später in New York verbringt. Je nach Hafen gibt es dann Möglichkeiten, sich den Tag auf eine besondere Art zu gestalten – ein gutes Essen, ein Ausflug oder einfach mal eine entspannte Nacht in einem schönen Hotel, weit weg von den beengten Kabinen an Bord. Wer es sich leisten kann, gönnt sich vielleicht eine spezielle Aktivität, die es nur an diesem Ort gibt, oder einfach eine entspannte Massage, um mal den Kopf freizubekommen.

Natürlich gibt es auch Jahre, in denen der Geburtstag einfach ein ganz gewöhnlicher Tag auf See ist, irgendwo mitten auf dem Ozean, ohne große Besonderheiten. Aber das ist für viele in Ordnung – Seefahrer gewöhnen sich daran, dass persönliche Anlässe nicht immer dann gefeiert werden können, wenn das Datum es vorgibt. Irgendwann kommt man nach Hause, irgendwann gibt es die Gelegenheit, mit der Familie oder Freunden nachzufeiern. Und wenn man dann gefragt wird, wo man seinen letzten Geburtstag verbracht hat, kann man oft mit einer Geschichte aufwarten, die es so an Land nicht gegeben hätte.



Silvester – Ein Countdown mit Zeitzonen-Chaos

Silvester auf einem Schiff kann eine merkwürdige Angelegenheit sein. Während an Land die Menschen das Jahr mit großen Partys, Feuerwerk und viel Lärm verabschieden, läuft auf See alles ruhiger ab – oder einfach ganz normal weiter. Es gibt keinen allgemeinen Standard, wann genau gefeiert wird, denn Zeitzonen spielen auf einem fahrenden Schiff eine ganz eigene Rolle. Manche Crews orientieren sich am Heimathafen, weil es für viele einfacher ist, zu wissen, dass die Familie zu Hause gerade dasselbe feiert. Andere halten sich an UTC, die universelle Zeit der Schifffahrt, während wieder andere schlicht nach der aktuellen Bordzeit gehen. Das führt manchmal zu kuriosen Situationen, besonders wenn ein Schiff gerade eine Zeitzone überquert. In solchen Fällen kann es passieren, dass man um Mitternacht kurz anstößt – und eine Stunde später theoretisch noch einmal. Wer es drauf anlegt, kann Silvester also gleich zweimal feiern.

Große Festlichkeiten bleiben allerdings aus. Alkohol ist auf vielen Schiffen tabu, und wo er erlaubt ist, gibt es bestenfalls eine Ausnahme für ein Bier oder eine Dose Cola mit einem Schuss Rum. Statt Champagner gibt es vielleicht eine Tasse Kaffee oder einen stillen Händedruck. Feuerwerk sucht man vergeblich. Höchstens, wenn das Schiff in Küstennähe ist, kann man in der Ferne sehen, wie irgendwo am Horizont Raketen aufsteigen. Aber selbst das hängt davon ab, wo man sich gerade befindet. In manchen Regionen ist es stockfinster, nur der Ozean und der Himmel mit seinen Sternen, weit und breit keine Menschenseele.

Kulinarisch bleibt es meist schlicht. Je nach Crew und Smutje gibt es vielleicht ein etwas besseres Essen als sonst, aber niemand erwartet ein großes Silvesterbuffet. Auf manchen Schiffen bleibt der Abend völlig unspektakulär, und wer gerade Wache hat, macht seinen Job, als wäre es ein Tag wie jeder andere. Funkkontakt mit anderen Schiffen kann an Silvester manchmal ein wenig lockerer sein, mit freundlichen Neujahrswünschen zwischen Kapitänen und Besatzungen, aber insgesamt bleibt alles nüchterner als an Land.

Es gibt jedoch Crews, die versuchen, zumindest ein bisschen Silvesterstimmung aufkommen zu lassen. Vielleicht eine kleine Party im Aufenthaltsraum, ein improvisierter Countdown mit einer alten Funkuhr oder eine Playlist mit Neujahrsliedern aus aller Welt. Manchmal wird ein symbolischer Neujahrsglückwunsch per Funk durchgegeben, oder es gibt eine spontane Runde Uno oder Tischkicker, um das Jahr ausklingen zu lassen. Aber spätestens nach dem kurzen Moment des Feierns geht es weiter wie gewohnt. Wer um Mitternacht Wache hat, steht an seinem Posten. Wer schlafen muss, geht ins Bett. Und am nächsten Morgen ist alles wieder wie immer – ein weiteres Jahr beginnt, mitten auf dem Meer, irgendwo zwischen zwei Häfen, mit nichts als dem endlosen Horizont um einen herum.



Ostern, Halloween und andere Feiertage

Ostern, Halloween und viele andere kleinere Feiertage spielen an Bord oft eine untergeordnete Rolle. Anders als Weihnachten oder Silvester, die zumindest ein gewisses Maß an gemeinsamer Feierlichkeit mit sich bringen, gehen solche Tage im Alltag an Bord oft unter. Es gibt keine freien Tage, keine großen Vorbereitungen, keine geschmückten Straßen oder Werbeaktionen, die einen daran erinnern. Wer sich nicht aktiv damit beschäftigt, merkt manchmal erst nach Tagen, dass schon wieder ein Feiertag vergangen ist.

Trotzdem gibt es Besatzungen, die ihre eigenen Wege finden, um solche Anlässe zu begehen – oft abhängig von der Nationalität der Crewmitglieder. In multinationalen Crews kommt es durchaus vor, dass verschiedene kulturelle Feste zelebriert werden, selbst wenn sie für andere an Bord keine Bedeutung haben. So kann es passieren, dass mitten im Atlantik eine philippinische Crew Ostern mit einer kleinen Messe und einem besonders guten Essen begeht, während eine deutsche Crew ein improvisiertes Oktoberfest feiert, bei dem Weißwürste und Brezeln aus Bordmitteln nachgebaut werden. Manchmal sind diese Feiern kleine, familiäre Runden, manchmal wird die ganze Crew eingeladen.

Halloween ist unter europäischen Seeleuten eher selten ein großes Thema, aber in Crews mit amerikanischem oder asiatischem Einfluss kann es durchaus vorkommen, dass man ein bisschen Dekoration bastelt oder sich gegenseitig mit kleinen Scherzartikeln überrascht. Kürbisse gibt es zwar selten an Bord, aber ein paar findige Seemänner haben schon Melonen oder sogar Kokosnüsse zu improvisierten Gruselgesichtern umfunktioniert. Bei all dem gilt: Wer Dienst hat, hat Dienst. Kein Fest hebt die Wachzeiten auf, niemand wird aus der Verantwortung entlassen.

Die vielleicht schönsten Feiern entstehen oft ganz spontan. Es gibt Crews, die Geburtstage oder regionale Feste nutzen, um sich ein wenig Abwechslung zu verschaffen. Ein brasilianischer Unabhängigkeitstag kann plötzlich zum Grillfest auf dem Achterdeck führen, oder eine polnische Crew bringt zum Nationalfeiertag selbstgemachte Pierogi auf den Tisch. In manchen Fällen entstehen so Traditionen, die sich über Jahre halten – und es gibt Schiffe, auf denen bestimmte Feste gefeiert werden, einfach weil es immer schon so war.

Am Ende hängt alles von den Menschen an Bord ab. Manche Crews feiern viel, andere gar nicht. Manchmal bleibt die Routine des Bordlebens so dominant, dass niemand an die Feiertage denkt. Doch wenn jemand die Initiative ergreift, wenn jemand einen kleinen Hauch von Normalität in den rauen Alltag auf See bringt, dann kann ein gewöhnlicher Tag plötzlich doch ein bisschen besonders werden.



Fazit – Feiertage auf See sind anders

Wer zur See fährt, muss sich daran gewöhnen, dass Feiertage nicht automatisch frei bedeuten. Manchmal gibt es ein bisschen Extra-Festlichkeit, manchmal ist es einfach ein ganz normaler Tag. Und am Ende lernt man, das Beste daraus zu machen – oder man verschiebt die große Feier einfach auf den nächsten Landgang.


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