Als ich am liebsten abbrechen wollte – Vier Momente, die mich an meine Grenzen gebracht haben
Jeder, der viel reist oder unter extremen Bedingungen arbeitet, kennt sie: Diese Momente, in denen man sich fragt, was zur Hölle man hier eigentlich macht. Wo man ernsthaft überlegt, alles hinzuschmeißen, den nächsten Flieger nach Hause zu nehmen und nie wieder zurückzukommen. Ich liebe meinen Job, aber auch ich hatte diese Momente. Sieben davon haben sich besonders eingebrannt. Oder auch jeder der eine Promotion und Doktorarbeit abgeschlossen hat. Diese Phasen des massiven Zweifelns. Die gehören dazu.
Pirateriekontakt – Wenn das Adrenalin übernimmt
Piraterie klingt für viele nach Hollywood, für mich ist es eine reale Gefahr, die mir einmal mehr als deutlich bewusst wurde. Wir waren in einem Risikogebiet unterwegs, hatten die üblichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen: Stacheldraht, Wasserschläuche, Scheinwerfer, Notfallprotokolle. Und dann kam die Meldung von der Brücke: Unbekanntes Schnellboot auf Annäherungskurs.
Der Puls schießt in die Höhe. Sofort alles abdunkeln, jeder an die vorgesehenen Positionen. Die Crew war ruhig, konzentriert – aber ich konnte die Anspannung in jedem einzelnen Atemzug spüren. Minuten vergehen wie Stunden. Wir beobachten, die Brücke steht in Kontakt mit den Behörden, das Sicherheitsteam ist in Alarmbereitschaft. Das Boot kommt näher. Schüsse. Geschrei. Und nochmal Schüsse. Wer geschossen hat und wohin konnte ich nicht ausmachen... Und dann, einfach so, dreht es ab. Kein direkter Angriff. Vielleicht waren wir zu gut gesichert, vielleicht hatten sie uns für eine schwerere Zielscheibe gehalten.
Als die Lage sich entspannte, merkte ich erst, wie meine Hände zitterten. Da war dieser Moment, in dem ich dachte: „Muss ich mir das wirklich geben? Jedes Mal dieses Risiko? Vielleicht sollte ich mir doch einen ungefährlichen Bürojob suchen.“ Doch ich bin geblieben. Weil ich wusste, dass ich mit Angst keine Entscheidung treffen sollte.
Massive Belästigungen in Dubai – Wie ein Stück Fleisch behandelt
In manchen Häfen ist es von vornherein klar: Ich werde das Schiff nicht verlassen. Nicht, weil ich keine Lust auf einen Landgang hätte, sondern weil ich schlicht keinen Bock darauf habe, mich ununterbrochen unwohl zu fühlen. Es gibt Orte, an denen es fast schon normal ist, als Frau von Hafenarbeitern angestarrt, angequatscht oder bedrängt zu werden. Orte, an denen ein einfacher Spaziergang schnell zu einem Spießrutenlauf wird. Und es gibt Orte, an denen ich als Frau an Männerorten nicht nur mit Belästigung, sondern im schlimmsten Fall mit einer echten Bedrohung rechnen muss – weil meine Existenz dort schlicht illegal ist.
In bestimmten arabischen Ländern zum Beispiel ist das für mich eine absolute No-Go-Zone. Selbst wenn ich nicht „auffällig“ bin, selbst wenn ich einfach nur in Jeans und T-Shirt unterwegs bin – die Blicke sind da, die Kommentare sind da, und manchmal ist die Aggressivität spürbar. Ich habe einmal den Fehler gemacht, es doch zu versuchen, bin allein in einen Hafen gegangen, nur um innerhalb weniger Minuten von mehreren Männern angesprochen und bedrängt zu werden. Ich hatte nicht einmal etwas gesagt, nichts getan – meine bloße Anwesenheit reichte aus. Einer kam mir zu nah, packte mir an den Arm. Ich riss mich los und ging einfach weiter, ohne mich umzudrehen, aber der Puls raste, die Wut kochte.
Doch es blieb nicht nur bei Blicken und Worten. Plötzlich spürte ich eine fremde Hand an meinem Hintern, Sekunden später eine andere an meiner Brust. Es war ein widerliches, grenzüberschreitendes Gefühl – diese Selbstverständlichkeit, mit der sie dachten, sie könnten das einfach tun, weil ich als Frau dort nichts zu sagen hatte. Ich drehte mich um, sah das selbstgefällige Grinsen, den triumphierenden Blick, als wäre das hier ein Spiel. Aber ich wusste genau: Wenn ich jetzt eskaliere, wenn ich mich wehre, könnte das richtig gefährlich werden. Also schluckte ich die Wut runter, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand zurück Richtung Hafen.
Es ist nicht nur der Moment selbst, es ist das Bewusstsein, dass ich in diesen Ländern keinerlei Schutz hätte. Dass ich als Frau dort ohnehin schon nichts wert bin, und als lesbische Frau noch weniger. Dass ich mich in solchen Ländern nicht nur wegen Belästigungen unwohl fühle, sondern weil ich weiß: Falls jemand herausfindet, wie ich wirklich lebe und liebe, könnte das im schlimmsten Fall sogar lebensgefährlich werden.
Deshalb bleibt das Schiff mein sicherer Hafen. In diesen Ländern verlasse ich es nicht – und das ist eine Entscheidung, die ich ohne Bedauern treffe.
Dieser Moment war anders als die Piraten-Situation. Da hatte ich wenigstens ein Team, einen Plan, eine Struktur. Hier fühlte ich mich machtlos. Ich habe mich so verdammt klein und wütend gefühlt. Warum sollte ich mich einschränken müssen? Warum reicht es nicht, einfach „nein“ zu sagen? Ich wollte abbrechen, nach Hause, weg von dieser Realität. Aber ich habe mir geschworen, dass ich mir meine Art zu leben nicht von solchen Menschen kaputtmachen lasse. Ich habe mich zusammengerissen und weitergemacht.
Ein schwerer Unfall an Bord
Es gibt Momente an Bord, die man nie wieder vergisst. Momente, die sich einbrennen, die einem klarmachen, wie schmal der Grat zwischen Alltag und Katastrophe ist. Einer dieser Momente war, als ein Kollege lebensgefährlich verletzt wurde – direkt vor meinen Augen.
Es passierte innerhalb von Sekunden. Eine unglückliche Verkettung von Umständen, ein Moment der Unachtsamkeit, ein technischer Defekt – und plötzlich war da nur noch Chaos. Ich erinnere mich an das Geräusch. Den dumpfen Aufprall. Den Schrei, der durch Mark und Bein ging. Und dann das Blut. Überall Blut. Auf dem Boden, an der Wand, an unseren Händen, als wir versuchten, ihn zu stabilisieren.
Es war ein Kampf gegen die Zeit. Die Notfallmaßnahmen liefen sofort an – jeder hatte seine Rolle. Ich wusste, was zu tun war, hatte es zig Mal geübt. Aber Theorie ist nichts gegen die Realität, wenn du jemanden vor dir hast, der um sein Leben kämpft. Wir versuchten, die Blutung zu stoppen, setzten Notrufe ab, koordinierten die Evakuierung.
Doch auf See gibt es keine schnellen Rettungswagen, keine Notaufnahme um die Ecke. Alles dauert. Minuten fühlen sich an wie Stunden. Und in diesen Momenten kann man nichts tun, außer weitermachen, versuchen, die Kontrolle zu behalten, auch wenn das Adrenalin den Körper überflutet und der Kopf schreit, dass das hier nicht passieren darf.
Die Luft roch nach Metall, nach Öl, nach Blut. Ich spürte den kalten Schweiß auf meiner Haut, hörte das hektische Atmen der anderen. Der Kollege wurde schließlich per Helikopter ausgeflogen. Wir wussten nicht, ob er es schaffen würde. Die Ungewissheit war schlimm. Die Stunden danach fühlten sich hohl an. Keiner sprach viel. Jeder hatte die Bilder noch vor Augen.
Er hat überlebt. Aber für mich hat sich seit diesem Tag etwas verändert. Ich wusste immer, dass die Arbeit auf See gefährlich ist, aber dieses Erlebnis hat mir eine neue Dimension gezeigt. Sicherheit ist nicht nur eine Vorschrift, kein lästiges Prozedere – es ist der einzige Schutz, den wir haben. Und wenn jemand das nicht ernst nimmt, dann werde ich laut. Denn ich habe gesehen, was passiert, wenn nur eine Sache schiefgeht.
Starke Grippe und MS-Schub – Wenn der Körper nicht mehr will
Man kann mental noch so stark sein – wenn der Körper aussteigt, wird’s richtig hart. Ich hatte mir irgendwo eine miese Grippe eingefangen. Fieber, Gliederschmerzen, kompletter Energieverlust. Und als ob das nicht gereicht hätte, kam meine MS noch mit einem kleinen Aufflackern um die Ecke: Fatigue, Taubheitsgefühle in den Beinen, verschwommene Sicht.
Normalerweise kann ich meine Symptome gut managen, aber in diesem Zustand? Keine Chance. Ich lag in meiner Koje, klitschnass geschwitzt, konnte mich kaum bewegen. Jeder Schritt war eine Qual. Und doch musste ich funktionieren, zumindest irgendwie. Natürlich hatte ich der Arbeit abgesagt, aber dennoch: Wirklich toll genesen kann man auf dem Schiff halt nicht.
In Absprache mit meiner Verlobten (Ärztin) hab ich an Bord Kortison Tabletten genommen um das Aufflackern zu bremsen. Ein Landgang stand eine Woche später an, hier ging es dann noch fix zum Arzt zum Check Up. Aber alles war soweit ok und es bedarf keiner stärkeren Behandlung.
Ich hatte eine Wut auf meinen eigenen Körper. Ich hasse es, wenn ich von ihm ausgebremst werde, wenn er mir zeigt, dass ich nicht unendlich belastbar bin. Weil diese unendliche Belastbarkeit ist hier an Bord irgendwie eine Grundvoraussetzung. Zumindest spüre ich das so. Ich wollte abbrechen, raus aus dieser verdammten schwankenden Kiste, nach Hause in ein warmes Bett, eine heiße Dusche, ein Badezimmer, das ich nicht mit anderen teilen muss. Aber ich wusste: Ich kann mich nicht einfach verdrücken. Also habe ich mich durchgekämpft. Inzwischen kann ich allerdings besser mal Pause machen. Früher war das schwierig weil das häufig Kommentare wie: "Ach, die Frau ist müde." direkt oder indirekt kamen. Inzwischen sind mir solche Kommentare aber egal und an Bord ist auch grundsätzlich mehr Respekt eingekehrt.
Mein erster großer Sturm – Die totale Hilflosigkeit
Jeder Seemann, jede Seefrau erinnert sich an ihren ersten wirklich üblen Sturm. Meiner war… naja, sagen wir es so: Wenn du zum ersten Mal erlebst, wie sich ein Frachtschiff anfühlt, das gegen 10-Meter-Wellen kämpft, dann fragst du dich irgendwann, ob du nicht doch lieber Dozentin geworden wärst.
Die Seekrankheit traf mich mit voller Wucht. Ich konnte nichts mehr essen, jeder Schritt war eine Herausforderung. Mein Magen rebellierte so sehr, dass ich irgendwann einfach nur noch auf dem Boden lag und gehofft habe, dass es bald vorbei ist. Die Geräusche des Sturms, das Knarzen der Wände, das Gefühl, dass der Boden unter einem nachgibt – das alles hat sich tief eingebrannt.
Und dann dieser Moment, in dem du realisierst, dass du absolut nichts tun kannst. Du bist nur Passagier in diesem Wahnsinn, ausgeliefert an die Natur. Keine Maschine, kein Mensch, kein Geld der Welt kann das Meer aufhalten. Es gibt keinen Pause Knopf. Kein Entkommen.
Ich wollte abbrechen. Ich wollte nie wieder ein Schiff betreten. Aber ich wusste auch: Wenn ich das überstehe, dann kann mich so schnell nichts mehr umhauen.
Wichtige Momente meiner Verlobten
Einer der schlimmsten Momente war, als meine Verlobte ihre letzte Zwischenprüfung zum Facharzt hatte. Während sie sich wochenlang vorbereitet hatte, mit Stress und Zweifeln kämpfte, war ich Tausende Kilometer entfernt, irgendwo auf See. Natürlich haben wir vorher noch telefoniert, ich habe ihr gesagt, dass sie das packt, dass ich an sie glaube – aber in dem Moment, als sie in die Prüfung ging, konnte ich nichts tun. Ich konnte nicht da sein, sie nicht umarmen, nicht mit ihr zusammen das Warten auf die Ergebnisse aushalten. Ich saß einfach auf dem Schiff, in einer völlig anderen Welt, in einem Alltag, der völlig unbeeindruckt von meinem persönlichen Leben weiterlief.
Als sie schließlich bestand, war ich erleichtert – aber auch tief frustriert. Kein gemeinsames Feiern, kein Anstoßen, nicht einmal ein spontanes "Ich komm vorbei, wir machen uns einen schönen Abend." Ich konnte ihr nur über eine schlechte Internetverbindung gratulieren, während sie mit anderen feiern ging. Und so sehr ich ihr das gegönnt habe, so sehr tat es weh, nicht dabei zu sein. In diesen Momenten fühlt es sich an, als würde man durchs Leben der Menschen, die man liebt, nur noch als eine Art Zuschauer schweben – nie wirklich mittendrin, immer nur in der Ferne. Das tut manchmal einfach nur weh. Solche Momente gibt es auf jeder Tour, mal weniger schlimme, mal schlimmere.
Als die Oma starb
Der Tod meiner Oma war einer dieser Schläge, auf die man sich nie wirklich vorbereiten kann. Sie war immer eine feste Konstante in meinem Leben – eine der wenigen in der Familie, die mich bedingungslos unterstützt hat, die sich ehrlich für meine Arbeit interessierte und die mich nie gefragt hat, wann ich endlich einen „vernünftigen“ Job an Land annehme. Sie war stolz auf mich, das wusste ich.
Als die Nachricht kam, war ich mitten auf dem Ozean, irgendwo zwischen zwei Kontinenten, ohne stabile Verbindung. Ich habe es erst zwei Tage später erfahren, als ich endlich wieder Netz hatte. Zwei Tage, in denen meine Familie bereits getrauert hatte, in denen Dinge organisiert wurden – ohne mich. Als ich die Nachricht las, war es, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen. Es fühlte sich unwirklich an. Ich hatte gehofft, dass ich noch einmal mit ihr sprechen könnte, dass ich mich zumindest verabschieden könnte. Aber jetzt war es zu spät.
Es gab keine Möglichkeit, rechtzeitig zur Beerdigung zu kommen. Selbst wenn ich sofort ein Flugzeug hätte nehmen können, wäre ich zu spät gewesen. Also saß ich da, auf dem Schiff, umgeben von Stahl, Maschinenlärm und der endlosen Weite des Ozeans. Die Welt um mich herum lief weiter, als wäre nichts passiert – während in mir alles stillstand. Ich fühlte mich hilflos, gefangen in dieser Realität, in der es keine Pause für Trauer gab. Die Crew machte Witze, die Routine lief weiter, es gab technische Probleme zu lösen – keine Zeit, um sich zurückzuziehen und einfach mal zusammenzubrechen.
Ich wusste, dass meine Oma gewollt hätte, dass ich weitermache. Sie hätte gesagt, dass ich mich nicht grämen soll, dass das Leben weitergeht. Aber genau das machte es so schwer. Ich bereute es, dass ich nicht da war. Dass ich die letzten Tage nicht bei ihr sein konnte. Dass ich ihr nicht die Hand gehalten hatte, als es zu Ende ging. Stattdessen war ich hier draußen, auf einem Schiff, meilenweit entfernt, ohne Möglichkeit, irgendetwas zu ändern.
Also habe ich mir meinen eigenen Abschied genommen. Ich bin in der Nacht an Deck gegangen, als alles ruhig war. Habe aufs Wasser gestarrt, den Mond beobachtet, dem Wind zugehört. Ich habe in Gedanken mit ihr geredet, ihr erzählt, wie sehr ich sie vermisse. Und irgendwo zwischen den Wellen, dem leichten Schaukeln des Schiffs und der salzigen Meeresluft habe ich sie losgelassen – auf meine Art, mitten auf dem Ozean.
Warum ich trotzdem geblieben bin
Jeder dieser Momente hätte mich zum Aufgeben bringen können. Aber ich bin geblieben. Weil ich liebe, was ich tue. Weil ich Herausforderungen mag. Weil ich gelernt habe, dass Angst, Wut oder Verzweiflung nicht das letzte Wort haben müssen.
Ja, es gibt Tage, an denen ich das ganze Seefahrerleben verfluche. Aber es gibt auch die anderen – die Sonnenaufgänge über dem offenen Meer, die ersten Schritte an Land nach Wochen auf See, die technischen Herausforderungen, die mich fordern und wachsen lassen.
Und genau deshalb bin ich noch hier.
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