Part 32 - Die Sache mit der Privatsphäre
Die Sache mit der Privatsphäre
Hi ihr lieben,
ich will heute ein Thema aufgreifen, das mir viele von euch schon geschickt haben – und das tatsächlich ziemlich zentral war während der Zeit im U-Boot: Privatsphäre. Oder besser gesagt: der komplette Mangel daran.
Ich war in einer 6er-Kabine untergebracht. Drei Stockbetten, sechs Personen. Fünf Männer. Nur ich als Frau. Das war... sagen wir: gewöhnungsbedürftig. Jeder hatte so einen kleinen Vorhang am Bett, der zumindest optisch etwas abgeschirmt hat – aber wer schon mal mit 5 schnarchenden, furzenden und halbnackten Männern in einem Raum geschlafen hat, weiß: Der Vorhang bringt dir auch nicht den Seelenfrieden zurück. Und um schon mal vorwegzunehmen: Privatsphäre heißt für mich auch nicht nur alleine meinen Safespace zu haben, sondern auch zu kontrollieren, was für Reize einen so anpacken, die man alleine vermeiden könnte... Geräusche, Geräusche und auch die ein oder andere Arschritze, die meine Augen erspähen mussten / durften.
Ich hatte Euch ja von der VR Brille erzählt.... Die VR-Brille war mein kleiner Fluchtpunkt. Ich hab damit abends im Bett Filme geschaut oder einfach eine virtuelle Welt geladen – das hat geholfen. Trotzdem war es komisch, weil du ja nichts von außen siehst und hörst. Null Kontrolle. Du siehst nicht, was um dich herum passiert. Und da war schon ein unterschwelliges Unwohlsein. Keine Angst direkt, aber wachsam. Ich hab’s trotzdem genutzt, weil’s eine Art von mentalem Rückzugsort war. Fast wie ein Zimmer im Zimmer. Und war dann schon viel wert. So konnte ich mich mal, zumindest mental, irgendwie an einen schönen einsamen Ort flüchten.
Musik und Filme generell waren mein Rettungsanker. Kopfhörer rein, Welt aus. Das ging gut. Ich hab mir damit eine gewisse Ruhe erschlichen, vor allem abends im Bett.
Schlafen war anfangs echt schwer.
Ich geb’s offen zu: Ich hatte Angst. Nicht panisch, aber unterschwellig, dauerhaft. Da liegst du – in einem U-Boot, unter Wasser, eingepfercht in einem kleinen Bett mit Vorhang, um dich rum fünf fremde Männer, alle in Reichweite. Kein Rückzugsort. Kein Schloss an der Tür. Keine Fluchttür. Kein Tageslicht. Nur du, dein Vorhang, deine Gedanken. Und die Vorstellung: Was ist, wenn...? Ich lag oft wach. Kopfhörer drin, Augen zu, aber der Kopf auf 180. Jeder Laut wurde analysiert. Jeder Atemzug, jedes Rascheln. Wer steht da gerade auf? Wer ist das? Wo geht der hin? Es war kein wirkliches Vertrauen da – wie auch, nach wenigen Stunden mit wildfremden Männern, ohne Ausweichmöglichkeit. Ich hab mich klein gemacht. In den Schlaf gezwungen. Und gehofft, dass die Nacht ruhig bleibt. Es war nicht die Angst vor einem konkreten Übergriff – aber eben doch das Gefühl von totaler Ausgeliefertheit. Ich hatte keine Kontrolle. Keine Tür, die ich abschließen konnte. Keine Freundin, die neben mir lag. Nur fremde Körper, fremde Stimmen, fremde Gerüche. Nach ein paar Nächten wurde es besser. Weil ich merkte: Es passiert nichts. Weil ich anfing, Routinen zu entwickeln. Ich hab mich immer zur Wand gelegt, Kopfhörer rein, Film oder Musik an, VR-Brille manchmal. Und irgendwann hat der Körper einfach gesagt: Jetzt reicht’s. Schlafen. Ich bin nicht mehr bei jedem Geräusch hochgeschreckt. Ich hab’s ausgeblendet. Hab gelernt, dass auch Männer einfach nur schlafen wollen – und keine Monster sind. Aber bis dahin war es ein echt harter, unangenehmer Weg. Ich weiß und wusste ja alles besser, dass alles ja OK ist. Aber das Gefühl der potentiellen Hilflosigkeit blieb.
Umziehen war jedes Mal scheiße.
Kein richtiger Platz, alles musste schnell gehen, immer irgendwie unter Beobachtung. Klar, jeder hatte seinen Vorhang, aber sobald du dich bewegen musstest – zack, warst du sichtbar. Kein Raum, um sich in Ruhe umzuziehen.
Und erst recht kein Raum für... sagen wir mal: andere Dinge. Bett war zum Schlafen. Punkt. Alles andere war einfach zu eng, zu sichtbar, zu wenig Privatsphäre. Da war wirklich nix mit gemütlich oder zurückziehen.
Alleinsein? Fehlanzeige. Beim Essen saßen wir dicht gedrängt. Immer jemand neben dir, vor dir, hinter dir. Kein Moment für sich. Ich hab da teilweise einfach mechanisch gegessen, um durchzukommen. Manche Männer waren echt nett, andere einfach nur anstrengend – laut, übergriffig in der Art, wie sie geredet haben, nicht wirklich böse, aber trotzdem... zu viel. Keine Rücksicht. Aber das kenne ich ja und kann ich auch akzeptieren. Aber anstrengend bleibt's ja trotzdem.
Dusche & Klo: Der einzige Ort mit echter Privatsphäre. Mini, aber abschließbar. Und damit fast schon ein Luxusbereich. Ich hab viele Dinge, die man sonst vielleicht im Bett oder woanders erledigen würde, in die Dusche verlagert – Nachdenken ... oder auch was anderes, einfach mal 2 Minuten für sich sein. Aber: Duschzeit ist limitiert. Es gibt einen strikten Plan, alles durchgetaktet. Kein endloses Rumstehen unter warmem Wasser. Schnell rein, kurz abschalten, raus. Danach wieder Uniform, wieder Menschen, wieder Geräusche.
Das Klo war... naja. Funktional. Eklig manchmal, ja. Wenn man Pech hatte, direkt nach jemand anderem rein. Keine Details, ihr könnt’s euch denken. Aber immerhin war es allein, Tür zu, Luft anhalten, durch.
Und am Ende: Man gewöhnt sich. Nicht komplett, aber man arrangiert sich. Ich hab gelernt, mir Inseln zu schaffen – gedanklich. Kopfkino, Filme, Musik. Und ja, ich hab auch gelernt, mich mit Männern zu arrangieren, selbst wenn ich lieber andere Gesellschaft gehabt hätte.
Trotzdem: Ich weiß jetzt umso mehr, wie wichtig echte Privatsphäre ist. Und ich werde sie – auf dem Schiff, in einer normalen Kabine, mit Tageslicht – nie wieder für selbstverständlich halten.
Hab euch lieb.
Danke fürs Mitlesen. Fragen, Kommentare – wie immer sehr gern!
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