Part 25 - Lea's Life: Der Geruchssinn
Geruchssinn auf See – Zwischen Dauerbelastung und Sehnsucht nach Abwechslung
Gerüche sind eine unterschätzte, aber allgegenwärtige Komponente des Lebens an Bord. Wer denkt, dass das Meer nur nach frischer Brise und Salz duftet, hat wahrscheinlich nie Monate auf einem Frachtschiff verbracht. Der Geruchssinn wird hier ständig gefordert – manchmal angenehm, oft monoton, gelegentlich überwältigend. Zum Thema Geräusche hatte ich ja bereits was geschrieben: Nun ist die Nase an der Reihe 😋
Dauerpräsenz von Schiffgerüchen – wenn alles gleich riecht
Am Anfang ist es noch aufregend. Die salzige Seeluft, die leichte Diesel-Note aus der Maschine, der Geruch von Öl und Metall in den Gängen – das alles hat seinen eigenen Reiz. Doch nach Wochen auf See wird dieser Mix zur Normalität. Der Geruch des Schiffs setzt sich in der Kleidung fest, in den Kabinen, in der Haut und bei Frauen auch in den Haaren. Man merkt es selbst kaum noch, bis man an Land geht und plötzlich in einer Welt voller neuer Düfte steht.
Diagnose durch die Nase – wenn Geruch zur Warnung wird
Ein geschulter Geruchssinn ist auf See ein echtes Werkzeug. Maschinen haben ihren eigenen „normalen“ Duft. Wenn sich der plötzlich verändert, kann das ein Alarmsignal sein – verbranntes Öl, überhitztes Metall, ein Hauch von Schwefel oder Ammoniak. Viele Defekte kündigen sich erst über die Nase an, bevor sie sichtbar oder hörbar werden. Auch Leckagen, Feuer oder Probleme mit der Belüftung lassen sich oft zuerst erschnüffeln. Wer den Schiffsbetrieb im Blut hat, erkennt Abweichungen meist instinktiv.
Landgang – der Geruchsschock für die Sinne
Nach Wochen auf See kann ein Landgang zu einer regelrechten Reizüberflutung für die Nase werden. Der Geruch von Erde, von Pflanzen, von Essen auf einem Markt oder einfach der typische Duft einer Stadt – all das kann fast überwältigend wirken. Während man sich an Bord an die Gleichförmigkeit der Gerüche gewöhnt hat, ist das Land ein chaotischer Mix aus Eindrücken. Manchmal ist das schön, manchmal überfordernd
Der neue Geruch des neuen Hafens
Wenn das Schiff in den Hafen einläuft, verändert sich die Luft schlagartig. Nach Wochen auf offener See, wo die Luft zwar salzig, aber meist klar und konstant riecht, prallen plötzlich ganz andere Gerüche auf einen ein. Die dicken Abgase der Hafenmaschinen und anderer Schiffe mischen sich mit dem Duft von altem, salzigem Holz, feuchtem Beton und oft einer ordentlichen Portion Fisch – je nachdem, wo man gerade ankommt. In tropischen Häfen liegt manchmal ein süßlich-fauliger Geruch in der Luft, eine Mischung aus Hitze, Müll und feuchter Vegetation. In großen Industriehäfen dagegen dominieren Öl, Teer und Metall. Egal wo – der Geruch eines Hafens ist immer einzigartig und oft der erste echte Willkommensgruß an Land.
Geruch als Hygienefrage – wenn nichts mehr nach „frisch“ riecht
Ein Schiff riecht selten nach Sauberkeit. Es gibt kein Waschmittelaroma, keine frisch gelüfteten Räume, keinen angenehmen Duft von Holz oder Stoffen. Dafür gibt es Maschinenöl, abgestandene Luft in der Kabine und den unausweichlichen Geruch von Arbeit – Schweiß, Dreck, Metall. Die Wäsche riecht nach Schiffswaschmittel, das sich nie richtig ausspülen lässt. Wer eine Woche im Overall arbeitet, merkt irgendwann gar nicht mehr, dass alles einen leicht ranzigen Geruch angenommen hat. Und das ist echt anstrengend und nervig. Diesen tiefsitzenden Schweißgeruch bekommt man nicht mehr weg. Aber irgendwie auch halb so schlimm, Besuch bekommt man ja keinen 😆
Geruch als psychologische Belastung
Dauerhafte Geruchseinflüsse können auch anstrengend sein. Gerade, wenn Lüftungssysteme nicht optimal laufen oder sich in der Kabine eine Mischung aus feuchter Kleidung, Arbeitsschuhen und Essen festsetzt. Man kann lüften, reinigen, Textilerfrischer sprühen – der Geruch des Schiffs bleibt. Erst die erste Nacht im Hotel nach der Reise, in frischer Bettwäsche, macht einem bewusst, was man wochenlang eingeatmet hat. Je mehr Sauberkeit man um sich herum hat, desto dreckiger fühlt man sich selbst. Ein bisschen Unbehagen hab ich beim Betreten eines hübschen Hotels oder Restaurants schon immer.
Was hilft?
Ein paar Tricks helfen, die Geruchsbelastung in den Griff zu bekommen. Zum Beispiel packe ich frische Kleidung für den Landgang in einen dichten Plastiksack – so bleibt sie von den stickigen Kabinengerüchen verschont. Gleiches gilt für benutzte Wäsche: Ein separater Beutel sorgt dafür, dass nicht gleich der ganze Schrank nach Maschinenraum oder Schweröl duftet. Ein kleines Fläschchen mit ätherischen Ölen oder ein Stück Seife im Gepäck kann Wunder wirken, wenn man zwischendurch einen angenehmen Duft braucht. Und wer den Landgang richtig genießen will, sollte die Kleidung je nach Hafen clever wählen – in tropischen Gegenden lieber leichte, atmungsaktive Stoffe, in Industriehäfen vielleicht etwas, das man nach dem Tag am besten direkt wäscht. Und ganz wichtig: Nase zu halten, wenn man an den Kabinen der Männer vorbei läuft 😆
Und wenn gar nichts mehr hilft... der Slip!
Irgendwann kommt der Punkt, an dem manche Kleidungsstücke einfach nicht mehr zu retten sind – besonders die Unterwäsche. Mein Slip und meine Socken sind teilweise.. nunja, beschreibe ich jetzt nicht weiter. Man kann es sich ja vorstellen, 35°C, überall Dreck, schwere Arbeitskleidung. Trotz regelmäßigem Waschen setzen sich Salz, Schweiß und der allgemeine Bord-Dreck irgendwann so fest, dass selbst der beste Waschgang nicht mehr hilft. Manche Stoffe nehmen dauerhaft den leicht säuerlichen Mix aus Maschinenraum, Körperwärme und Seeluft an. Da hilft nur eins: gnadenlose Entsorgung. Viele an Bord haben sich angewöhnt, ältere Unterwäsche direkt für die Reise einzuplanen und sie nach und nach auszusortieren – Platz für frische Sachen und weniger Ballast im Koffer zurück nach Hause.
Der Koffer danach
Und dann ist da noch der Koffer, der nach jeder Reise eine eigene Geschichte erzählt – vor allem für die Nase. Wenn man nach Wochen auf See nach Hause kommt und den Koffer öffnet, strömt einem sofort der typische Schiffsmix entgegen: Maschinenöl, Seeluft, das spezielle Waschmittel von Bord, vielleicht noch ein Hauch von Diesel oder Rost. Selbst die frisch gewaschenen Sachen haben diesen dezenten Unterton, den man erst nach mehreren Waschgängen wieder loswird. Manchmal erwischt man Wochen später noch ein Kleidungsstück, das tief in der Tasche vergessen wurde – und es riecht immer noch nach Schiff. Ein bisschen eklig, aber irgendwie auch ein Stück Heimat auf See. Man nimmt die See mit nach Hause. Meine Verlobte sagt immer beim Küssen: "Da schmeck ich noch das Meer!" Und ja, auch in der Haut setzt sich der Geruch ziemlich ab.
Ein Sinn, der sich anpasst – und doch nicht abstumpft
Obwohl sich der Geruchssinn an viele Dinge gewöhnt, bleibt er ein wichtiges Werkzeug und eine Quelle für Erinnerungen. Der erste Atemzug Seeluft beim Ablegen, der schwere Maschinenraumgeruch, der Duft von frischen Brötchen aus der Bordküche, der Kontrast zwischen Schiff und Land – all das bleibt einem lange im Kopf. Manche Gerüche wird man vermissen, andere wird man nie wieder riechen wollen. Aber egal, wie sehr man sich an Bord daran gewöhnt:
Die Nase vergisst nichts.
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