FOMO – 10.000 km weit weg und keine Chance, dabei zu sein
Jeder kennt das Gefühl, etwas zu verpassen – aber wenn man monatelang auf See ist, bekommt „Fear of Missing Out“ (FOMO) eine ganz neue Dimension. Während die Welt zu Hause weiterläuft, sitzt man auf einem Frachtschiff mitten im Nirgendwo und kann nichts tun, außer aus der Ferne zuzusehen. Und das tut manchmal verdammt weh. Keine Chance mal für ein Wochenende nach Hause zu fahren. Auch wenn's verdammt wichtig wäre.
1. Familienfeste und große Momente
Hochzeiten, Geburtstage, Weihnachten – all die Anlässe, bei denen man normalerweise mit seinen Liebsten zusammen ist, finden einfach ohne einen statt. Die Familie schickt Fotos von der großen Feier, die Freunde posten Videos vom Anstoßen, und du? Du sitzt irgendwo im Maschinenraum oder auf der Brücke, schaust aufs endlose Meer und denkst dir: „Toll, hätte ich auch gerne erlebt.“
2. Notfälle zu Hause – und du kannst nichts tun
Vielleicht das härteste überhaupt: Wenn es daheim brennt – im übertragenen oder echten Sinne – bist du machtlos. Ein Krankheitsfall in der Familie, ein Unfall oder ein anderes Drama, bei dem du normalerweise sofort ins Auto steigen und helfen würdest? Keine Chance. Selbst mit Satellitentelefon und Internetverbindung fühlt man sich in solchen Momenten einfach hilflos. Dazu auch noch die Zeitverschiebung. Es passiert dann häufig mal, dass wenn ich morgens mein Handy zur Hand nehme, viele Nachrichten drauf habe... eben weil die Tageszeit in Deutschland 12h versetzt ist. So ist die Kontaktmöglichkeit noch mehr eingegrenzt. Aber es ist schön zu wissen, dass meine Partnerin ja Ärztin ist - und im Bekanntenkreis dadurch natürlich hilfreicher ist als ich das wäre. Dennoch tut es mir weh, wenn ich lese, dass es ihr schlecht geht und jemanden zum Reden, kuscheln und knutschen hätte. Das geht nur bedingt über die Distanz.
3. Das Konzert, auf das du dich seit Jahren gefreut hast
Die Lieblingsband ist endlich wieder auf Tour – genau in den zwei Monaten, in denen du auf See bist. Die Freunde gehen hin, posten Live-Videos und schwärmen danach wochenlang. Du? Naja, du kannst dir das Ganze vielleicht auf YouTube anschauen, aber das ist einfach nicht dasselbe. Ich kaufe mir regelmäßig Tickets für Konzerte - aber immer mit Rücktrittsversicherung. Einfach weil ich nicht weiß, ob ich in einem Jahr Zuhause oder irgendwo auf den Weltmeeren sitze. Und Konzerttickets, ihr wisst es ja selbst, sind spontan nicht wirklich kaufbar.
4. Sportevents, die ohne dich stattfinden
Das entscheidende Spiel deiner Mannschaft, ein legendärer Boxkampf oder die Olympischen Spiele – all das findet statt, während du bestenfalls die Ergebnisse über eine wackelige Internetverbindung checken kannst. Kein gemeinsames Mitfiebern, kein kollektiver Jubel oder Frust. Einfach nur du und ein paar Daten auf einem Bildschirm. Das fehlt mir tatsächlich schon auch. Dazu auch wieder das Problem von Zeitverschiebung. Wenn viele Events im europäischen Feierabend passieren, ist es bei mir vielleicht mitten in der Nacht oder mitten im Arbeitstag. Blöd.
5. Spontane Abenteuer der Freunde
„Hey, wir waren übers Wochenende in den Bergen!“, „Wir haben einen Roadtrip gemacht!“, „Warst du schon im neuen Club?“ – Nachrichten, die einen mitten ins Herz treffen. Während alle daheim spontane Trips und Erlebnisse haben, bist du in deiner Routine aus Arbeit, Essen und Schlafen gefangen. Kein „Ich komm einfach nach“ – du bist eben nicht mal annähernd in der Nähe. Ich habe allerdings über die Zeit gelernt, mich dennoch zu freuen, wenn solche Nachrichten kommen. Man sammelt Erfahrungen ja auch im Kollektiv und wenn man sie digital teilt, ist das ja auch schön.
6. Die kleinen Dinge des Alltags
Es sind nicht nur die großen Ereignisse, sondern auch die kleinen Alltagsmomente, die man verpasst. Das gemütliche Kaffeetrinken mit der besten Freundin, wenn man sich spontan auf einen Plausch trifft und über alles Mögliche quatscht. Die Filmabende, bei denen man sich gemeinsam auf der Couch einkuschelt, Snacks bereitstellt und sich über schlechte Dialoge oder überraschende Wendungen austauscht. Das gemeinsame Kochen, wenn man einfach Lust hat, mal ein neues Rezept auszuprobieren, während im Hintergrund Musik läuft und die Küche langsam im Chaos versinkt.
Es sind diese kleinen Dinge, die für andere selbstverständlich sind – die man einfach so zwischendurch erlebt, ohne groß darüber nachzudenken. Ein Feierabendsnack mit den Kollegen, wenn man nach einem anstrengenden Tag zusammenkommt und den Stress hinter sich lässt. Ein Spaziergang durch die Stadt, einfach weil das Wetter gerade schön ist und man Lust hat, draußen zu sein. Oder die Möglichkeit, mal eben für ein paar Stunden rauszugehen, Freunde zu besuchen, sich treiben zu lassen.
Aber es sind auch die alltäglichen Routinen, die man unweigerlich verliert, wenn man monatelang nicht da ist. Dinge, die man eigentlich gar nicht besonders aufregend findet, die aber trotzdem einen gewissen Wert haben. Mal eben schnell zum Supermarkt gehen, ohne vorher eine exakte Einkaufsliste zu machen, weil man einfach jederzeit wieder hingehen könnte. Die Wohnung umräumen, weil man spontan Lust auf Veränderung hat. Oder auch der ganz normale Haushalt – Wäsche waschen, das Auto tanken, den Müll rausbringen. Dinge, die sich langweilig anhören, die aber dazugehören und die einem nach Wochen oder Monaten auf See manchmal seltsam fehlen.
Und dann ist da noch der Garten, wenn man einen hat. Wochenlang passiert nichts, dann ist man plötzlich wieder da und stellt fest, dass das Unkraut übernommen hat und die Pflanzen entweder explodiert sind oder völlig vertrocknet aussehen. Die Nachbarn haben sich vielleicht gekümmert, aber es ist nicht dasselbe, wie selbst mit den Händen in der Erde zu wühlen und sich um die eigenen Pflanzen zu kümmern.
All das ist nichts, was einem das Herz bricht, nichts, worüber man dramatisch nachdenken würde. Aber es summiert sich. Es sind nicht nur die großen Highlights, die man verpasst – es ist dieses alltägliche, spontane Leben, das einfach weitergeht, während man selbst in einer Parallelwelt existiert, in der die Tage nach einem festen Rhythmus verlaufen und es keine spontanen Abende, keine zufälligen Begegnungen, kein „Ach, ich mach das jetzt einfach mal“ gibt. Und manchmal ist es genau das, was fehlt.
7. Karrierechancen und Netzwerken
Während du monatelang auf dem Schiff bist, drehen sich die Räder der Arbeitswelt weiter. Eine coole Konferenz, ein Jobangebot, ein Networking-Event – du bist nicht dabei. Kontakte, die sich andere nebenbei aufbauen, kannst du nur aus der Ferne pflegen, wenn überhaupt. Aber dennoch möchte ich mich hier nicht beschweren. Die Zeit auf See ist super bezahlt und macht sich hervorragend im Lebenslauf.
8. Beziehungen auf Distanz – während andere Zeit miteinander haben
Egal ob Partnerin, Familie oder Freunde: Während andere ihre Beziehungen täglich pflegen, bleibt dir oft nur der digitale Austausch. Videoanrufe sind super, aber eben kein Ersatz für echte Nähe. Besonders hart ist es, wenn dein Umfeld in der Zeit neue Leute kennenlernt, sich weiterentwickelt – und du manchmal das Gefühl hast, den Anschluss zu verlieren. Freundeskreis verändert sich, Bekanntenkreis auch...
9. Veränderungen zu Hause – und du kriegst es erst spät mit
Die Lieblingsbar hat geschlossen, ein Freund ist weggezogen, die Stadt hat sich verändert – und du bekommst es erst mit, wenn du wieder da bist. Manchmal fühlt sich Heimkommen fast so an, als wäre man Gast in einer Welt, die sich ohne einen weitergedreht hat. In ein paar Monaten kann sich verdammt viel verändern.
10. Eigene Pläne, die ewig warten müssen
Du wolltest schon immer eine bestimmte Sportart ausprobieren, an einem coolen Projekt arbeiten oder ein neues Hobby anfangen? Tja, schwer, wenn du zwei Monate auf See bist und dann erstmal nur damit beschäftigt bist, dein Sozialleben wieder aufzuholen. Viele persönliche Ziele müssen warten, weil dein Alltag nicht „normal“ ist.
Wie geht man mit FOMO auf See um?
Ganz ehrlich? Manchmal kann man gar nichts tun, außer es zu akzeptieren. Aber ein paar Dinge helfen:
Bewusst offline gehen: Manchmal ist es besser, nicht jedes Detail mitzubekommen – dann leidet man weniger. Dann aber wiederum denkt man in den Offline Zeiten drüber nach, ob Zuhause alles in Ordnung ist - das tut manchmal fast noch mehr weh.
Sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren: Die Erlebnisse an Bord sind vielleicht anders, aber auch einzigartig.
Vorfreude auf die Heimkehr: Man kann nicht alles haben – also lieber die Zeit zu Hause umso intensiver genießen.
Mit anderen darüber reden: Gerade unter Kollegen an Bord sitzen alle im gleichen Boot – und das hilft. Aber das ist bei Männern ja etwas schwierig 😆
FOMO ist eine der größten Herausforderungen des Lebens auf See. Man verpasst unweigerlich vieles – aber gleichzeitig erlebt man Dinge, von denen andere nur träumen. Manchmal hilft es, sich daran zu erinnern.
Und auch ganz wichtig für das Mindset: Wenn man dann endlich wieder Zuhause ist, fühlt sich alles doppelt intensiv an. Man genießt jede Kleinigkeit bewusster, weil man weiß, wie es ist, monatelang darauf zu verzichten. Der erste Kaffee in der eigenen Küche, Intimität mit der Partnerin, das eigene Bett, die Möglichkeit, einfach mal in Ruhe durch die Stadt zu schlendern – all das hat plötzlich einen ganz anderen Wert. Die Zeit mit Familie, Freunden und der Partnerin wird nicht mehr als selbstverständlich angesehen, sondern voll ausgekostet. Man nimmt sich bewusst Zeit für die Menschen, die man so lange nicht gesehen hat, und saugt jeden Moment auf, weil man genau weiß, dass der nächste Abschied wieder kommt.
Gleichzeitig gibt es auch viel, das man auf- und nachholt. Man trifft sich mit allen, die man vermisst hat, wenn man es schafft, besucht Orte, die man lange nicht gesehen hat, und erlebt in wenigen Wochen das, was andere über Monate verteilt tun. Es gibt Essen, auf das man sich schon ewig gefreut hat, spontane Ausflüge, Feiern, kleine Rituale, die man wieder aufleben lässt. Auch der Alltag wird intensiver – plötzlich macht es sogar Spaß, den Kühlschrank selbst wieder zu füllen oder einfach eine Runde mit dem Auto zu drehen. Man genießt es, wieder völlig frei zu sein, selbst zu entscheiden, was man tut, ohne Schichtpläne, Seegang oder den begrenzten Raum eines Schiffs. Und auch wenn diese Phase immer viel zu kurz ist, lebt man in ihr umso mehr.
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