Part 10 - Lea's Life: Brauchtum und Aberglaube

Traditionen und Bräuche auf Frachtschiffen – Zwischen Seemannsgarn und moderner Seefahrt

Die Schifffahrt ist eine Welt für sich – mit eigenen Regeln, Ritualen und Traditionen, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben. Während früher viele dieser Bräuche mit harter Disziplin, körperlicher Härte oder Aberglauben zu tun hatten, sind sie heute oft humorvolle Rituale, die für Zusammenhalt, Abwechslung und Unterhaltung im oft monotonen Bordalltag sorgen. Doch trotz aller Modernisierung: Der Seemannsglaube lebt, und so manche Tradition ist bis heute fest im Alltag an Bord "verankert". 😉


Die Äquatortaufe – Vom Landratte zum echten Seemann

Eine der bekanntesten Seefahrertraditionen ist die Äquatortaufe. Wer zum ersten Mal den Äquator überquert, gilt als "Landratte" und muss von Neptun, dem Gott des Meeres, getauft werden. Früher war das ein ziemlich raues Ritual: Die Täuflinge wurden mit widerlichen Mischungen aus Essenresten übergossen, rasiert oder sogar kurz ins Meer geworfen – natürlich gesichert, aber dennoch ein Erlebnis, das nicht jeder freiwillig wiederholen wollte.

Heute ist es harmloser: Oft übernimmt ein Crewmitglied die Rolle des Neptun, es gibt eine kleine Zeremonie mit Salzwasser, eine Urkunde und manchmal eine humorvolle Mutprobe. Ziel ist es, die erste Äquatorüberquerung zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen – ohne die Drangsalierungen vergangener Zeiten.


Ablauf der Äquatortaufe:

Ungetaufte ("Pollywogs") vs. Getaufte ("Shellbacks"): Besatzungsmitglieder, die den Äquator zum ersten Mal überqueren, werden als Pollywogs bezeichnet. Erfahrene Seeleute, die den Äquator bereits überquert haben, sind Shellbacks oder Sons of Neptune.

Neptun erscheint: Oft wird ein Crewmitglied als Neptun, der römische Gott des Meeres, verkleidet. Er kommt mit seinem Hofstaat, darunter ein "Richter" und eine "Meerjungfrau".

Prüfungen und Rituale: Die Pollywogs müssen verschiedene Prüfungen bestehen, wie zum Beispiel:

• Lustige Aufgaben oder sportliche Herausforderungen

• Ein rituelles "Gericht", das ihnen Vergehen wie Unwissenheit über das Meer vorwirft

• Eine symbolische Reinigung (z. B. mit Wasser übergossen werden oder in eine improvisierte "Badewanne" steigen)

• Taufe und Urkunde: Nach erfolgreicher Teilnahme werden die Pollywogs offiziell zu Shellbacks und erhalten oft eine Urkunde oder einen Eintrag in ihr Seebuch.


Herkunft und Bedeutung:

Die Tradition geht auf alte Seefahrerbräuche zurück und war besonders bei der britischen und niederländischen Marine, später auch in der US Navy, weit verbreitet. Ursprünglich diente das Ritual dazu, neue Besatzungsmitglieder auf humorvolle Weise in die Gemeinschaft der Seeleute aufzunehmen und Ängste vor der Äquatorüberquerung abzubauen. Früher hatten viele Seefahrer nämlich Angst vor einer Überquerung.. aus ganz verschiedenen Gründen, die natürlich unbegründet waren. Aber die Ängste halten sich bei so manchen Seefahrern auch heute noch leicht.

Heutzutage wird die Äquatortaufe oft in abgemilderter Form durchgeführt, da frühere Exzesse (harte Mutproben oder Erniedrigungen) zunehmend kritisch gesehen werden. Trotzdem bleibt sie eine beliebte Seefahrertradition und ein unvergessliches Erlebnis für viele.


Und wie war meine Taufe?

2018 überquerte ich zum ersten Mal den Äquator – und wurde natürlich nicht verschont. Schon Tage vorher tuschelten die Shellbacks untereinander, und wir Pollywogs (also die Neulinge) wussten, dass uns irgendwas bevorstand. Am großen Tag wurden wir früh aus den Kojen geholt, manche mit einem Eimer kaltem Wasser. Dann mussten wir uns seltsam verkleiden – mir wurde ein quietschbunter Badeanzug in die Hand gedrückt, den ich über meine Arbeitsklamotten ziehen musste.

An Deck wartete bereits König Neptun (unser Erster Offizier in einer grün bemalten Toga), begleitet von einer „Meerjungfrau“ mit kratzigem Plastikhaar und einem lila Bikini über der Uniform. Wir mussten vor ihn treten und uns „schuldig“ bekennen, die heiligen Gewässer ohne Erlaubnis betreten zu haben. Das Urteil? Ein Hindernisparcours aus glitschigem Deck, gammeliger Fischsuppe, die großzügig über uns ausgekippt wurde, und eine Rutschfläche aus Schmierseife direkt in ein improvisiertes „Taufbecken“ – ein alter Fischbehälter voll mit eiskaltem Wasser.

Zum krönenden Abschluss mussten wir einen „magischen Trank“ von Neptun trinken – eine ekelhafte Mischung aus altem Kaffee, Sojasoße und irgendwas Scharfem. Danach wurden wir offiziell zu Shellbacks erklärt und durften den Rest des Tages trockenlegen und über die nächsten Pollywogs in der Zukunft nachdenken. Trotz des Fischgestanks, der tagelang nicht aus der Kleidung ging, war es eine der lustigsten Erfahrungen meiner Zeit auf See. Zumindest rückblickend 😆 Als Frau wurd ich da noch verschont. Die Männer bekamen dann noch eine "frische" Frisur. 


Die erste Reise – Neulinge werden getestet

Wer zum ersten Mal an Bord ist, muss sich auf kleine Streiche gefasst machen. Besonders beliebt sind klassische Suchaufträge nach Dingen, die es gar nicht gibt – etwa den "Schlüssel für die Seekiste", das "Eimermaß für Treibstoff" oder das "Seil mit Wasserwaage". Neulinge werden dann von einem Crewmitglied zum nächsten geschickt, bis sie irgendwann merken, dass sie veralbert wurden.

Ein weiterer Klassiker ist die sogenannte "Seefahrerprüfung". Der Neuling wird gebeten, einen Löffel voll Wasser aufs Deck zu bringen – und während er das vorsichtig macht, sorgt ein anderer Crewmitglied mit einem plötzlichen Schubs oder einer Drehung des Schiffes dafür, dass das Wasser verschüttet wird. Danach heißt es dann meist: "Durchgefallen, nochmal versuchen!"

Ähnlich wie die klischeehafte Azubi oder Praktikantenbehandlung in neuen Unternehmen mit Kaffee kochen oder ähnliches. Aber auch hier, früher war es deutlich schlimmer, heute nur noch humorvoll und ohne Grenzüberschreitungen.


Das Seemannsgericht – Von harten Strafen zu humorvollen Verhandlungen

Früher gab es auf Schiffen oft brutale Disziplinarstrafen. Wer sich Fehlverhalten leistete, konnte mit Essensentzug oder extra harter Arbeit bestraft werden. Zum Glück sind diese Zeiten längst vorbei – geblieben ist aber das Konzept des Seemannsgerichts, das heute eine rein humorvolle Angelegenheit ist.

Hier werden Crewmitglieder für kleinere "Vergehen" – etwa das Verschütten von Kaffee, das Verschlafen einer Schicht oder das unsachgemäße Bedienen eines Funkgeräts – vor ein improvisiertes "Gericht" gestellt. Der "Angeklagte" muss sich verteidigen, während andere als "Ankläger" auftreten. Die Strafen sind harmlos: eine Runde Snacks spendieren, eine lustige Aufgabe erledigen oder einen Abend lang einen inoffiziellen Titel tragen.


Aberglaube auf See – Was man besser nicht tut

Obwohl wir heute in einer hochtechnisierten Welt leben, hält sich der Aberglaube unter Seeleuten hartnäckig. Hier ein paar Dinge, die viele Seefahrer bis heute meiden oder beachten:

• Freitage sind schlechte Tage zum Ablegen: Besonders der Freitag, der 13., gilt als Unglückstag – wenn es irgendwie vermeidbar ist, legt man lieber einen Tag früher oder später ab.

• Bananen an Bord bringen Unglück: Dieser Glaube stammt aus der Zeit der Segelschiffe, als Bananen Frachträume vergiften konnten, weil sie giftige Gase freisetzten oder durch mitgereiste Spinnen gefährlich wurden.

• Pfeifen an Bord ruft den Sturm herbei: Seeleute glauben, dass das Pfeifen an Deck die Winde herausfordert – also besser sein lassen.

• Der Name des Schiffes ist heilig: Ein Schiff umzubenennen, ohne ein entsprechendes Ritual durchzuführen, bringt Unglück. Falls es doch nötig ist, gibt es eine spezielle Zeremonie, um Neptun um Erlaubnis zu bitten.

• Keine Frauen an Bord: Dieser Aberglaube ist natürlich längst überholt, stammt aber aus einer Zeit, in der man glaubte, Frauen würden Poseidons Zorn erregen. Aber ich bin brav und Poseidon mag mich bestimmt 😆


Letzte Nacht an Bord – Abschiedsrituale vor dem Heimweg

Wer nach Wochen oder Monaten auf See nach Hause fährt, kann sich auf ein kleines Abschiedsritual gefasst machen. Oft gibt es ein gemeinsames Essen oder einen entspannten Abend mit der Crew – aber es gibt auch kreativere Rituale:

• Die Taufdusche: Manchmal wird der Heimkehrer mit einem Eimer kaltem Wasser übergossen – als symbolische Reinigung von Seewasser, Schweiß und Stress der vergangenen Wochen.

• Das Abschieds-Shirt: Manche Crews haben die Tradition, dass derjenige, der geht, ein altes Arbeitsshirt herumgibt, auf das alle unterschreiben. Eine Erinnerung, die viele später zuhause behalten.

• Der letzte Kaffee: Ein etwas ruhigeres Ritual: Die letzte Wache trinkt mit den verbleibenden Kollegen einen Kaffee und lässt die Reise Revue passieren. 


Seemannsgarn – Geschichten, die mit jeder Erzählung wachsen

Jeder Seemann und jede Seefahrerin hat Geschichten – und mit jeder Erzählung werden sie etwas spektakulärer. Da wird aus einem normalen Sturm schnell ein "Monsterorkan", aus einer zufälligen Begegnung mit einer Möwe ein "Angriff eines riesigen Seevogels" und aus einer durchgeschüttelten Nacht ein "Überlebenskampf gegen die Naturgewalten".

Diese Übertreibungen sind nicht nur Tradition – sie sind auch eine Form der Seelenpflege. Wochenlanges Leben auf See kann monoton sein, und das Erzählen von Geschichten bringt Leben und Humor in den Alltag. Außerdem: Wer will schon an Land berichten, dass "eigentlich gar nicht so viel passiert ist"? Aber die Angst ist eigentlich unbegründet. Es passiert irgendwie doch immer relativ viel, übertreiben braucht man da eigentlich gar nicht 😆


Und Tattoos? 

Tattoos spielen generell eine große Rolle in den Traditionen der Seefahrt und sind oft mit bestimmten Ereignissen oder Errungenschaften auf See verbunden. Neben der Äquatortaufe gibt es viele andere Tätowierungen mit symbolischer Bedeutung: Ein Schwalben-Tattoo steht etwa für je 5000 Seemeilen, ein Anker für einen Dienst in der Handelsmarine, und eine Schildkröte mit einem Dreizack zeigt, dass der Träger den Äquator überquert hat. In der Seemannskultur waren Tattoos nicht nur persönliche Erinnerungen, sondern auch eine Art Schutzsymbol – zum Beispiel sollte ein Hahn und ein Schwein auf den Füßen den Träger vor dem Ertrinken bewahren. Diese Traditionen haben sich über Jahrhunderte entwickelt und sind auch heute noch unter Seeleuten und maritimen Gemeinschaften verbreitet. Ich selbst habe noch keines, bin aber hier und da schon mal am überlegen gewesen. Vielleicht passiert es ja mal ganz spontan auf einem Landgang 😆


Fazit – Traditionen im Wandel der Zeit

Viele alte Bräuche der Seefahrt haben sich mit der Zeit verändert. Früher waren viele Rituale rau, hart oder sogar brutal – heute stehen Spaß, Teamgeist und das Gemeinschaftsgefühl im Mittelpunkt.

Aber auch wenn sich vieles verändert hat: Der Geist der alten Seefahrer lebt weiter. Die Kameradschaft an Bord, das Seemannsgarn, der Respekt vor dem Meer – all das ist geblieben. Und wer einmal auf See war, weiß, dass sich manche Traditionen einfach nicht aus der Schifffahrt wegdenken lassen.


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